Als der Taktstock zur Angel wurde...
...spielte Musik nur noch die zweite Geige. Walter Böhnisch aus Kolkwitz arbeitete viele Jahre an verschiedenen Opernhäusern als Dirigent. Doch seine Leidenschaft gilt neben Bach, Beethoven und Mozart der Fischerei. In unserer neuen Serie tauscht er die Primadonna gegen prima Fische und erzählt von Bächen und Seen, Stille und Einsamkeit, Rekorden und Revieren
Erworben wurde ich in der Tschechoslowakei von einem Herrn mittleren Alters, mit dem eigentlich ganz gut auszukommen war. Wenn er nur nicht ständig beim Angeln irgendwelche Opernmelodien gepfiffen oder gesummt hätte. Obwohl mir das zuweilen fürchterlich auf die Maschen ging, so muss ich doch sagen, dass ich dadurch zu einem der besten Opernkenner unter den deutschen Forellen-Klappkeschern avancierte. Unseren ersten gemeinsamen Fischzügen sah ich mit gemischten Gefühlen entgegen. Es war schon recht gewöhnungsbedürftig, wenn diese glitschigen Gesellen in mir herumtobten und dabei ihren Schleim an mir abstreiften. Und ehrlich gesagt, so besonders gut rochen sie alle nicht. Am schlimmsten fand ich ja immer die Äschen. Mein Chef hätte mich ruhig etwas öfter auswaschen können, nicht immer erst an jedem Saisonende. Bald merkte ich, dass meine Bedeutung mit der Größe der gefangenen Fische stieg. Hatte ein Zwerg angebissen, wurde ich meist gar nicht benötigt. Aber sobald ein Großer an der Angel zappelte, hieß es plötzlich: „Lass’ mich bitte nicht im Stich und verheddere dich jetzt um Gottes Willen nicht!“ Es war schon ein tolles Gefühl, so sehr gebraucht zu werden. Natürlich gab es gelegentlich auch Unstimmigkeiten zwischen uns. Wir Kescher haben ja bekanntlich eine besonders schwache Stelle. Das ist das Gummi, der uns mit unserem Angler verbindet. Auch bei mir war er bald durchgerissen und es gab keinen Ersatz zu kaufen. Errötend muss ich gestehen, dass mein Herr mich damals mit einem ordinären weißen Schlüpfergummi bestückte, das zwar funktionstüchtig war, aber mich total entstellte. Ich schämte mich besonders vor einer zierlichen Tenniskescherin, neben der ich meist hing und die ich damals sehr verehrte. Von solchen kleinen Irritationen abgesehen, haben wir aber viele glückliche Jahre gemeinsam an den Fischgewässern verbracht. Leider sollte es aber nicht so ungetrübt weitergehen. Das Unglück nahte in Person von Michael, dem Sohn meines Chefs, der einmal zum Angeln mitkommen durfte. Michael war sehr stolz, mich tragen zu dürfen – ich dagegen voller trüber Ahnungen. Es dauerte auch gar nicht lange (man kann ja nicht alle fünf Minuten einen Fisch fangen), da begann sich dieser hoffnungsvolle Knabe zu langweilen. Ich wurde völlig zweckentfremdet eingesetzt – zum Abschlagen von Brennnesselblättern! Und noch schlimmer: gar zum Ausrotten der Pestwurzstauden! An einem besonders dicken Stängel passierte es dann: Ein heftiger Schmerz durchzuckte mich und mein Herz – das heißt mein Scharnier – brach krachend auseinander! Michael wurde von seinem Vater mit einem Wort bedacht, das ich hier unmöglich wiedergeben kann. Aber er hatte vollkommen recht. Das war er auch. Lange hing ich nun hoffnungslos unbrauchbar an meinem Haken im Abstellraum. Die Tenniskescherin hatte inzwischen meine Position eingenommen. Ich litt unbeschreiblich. An einem Tag im Advent – eine Zeit, in der mein Herr immer in eine Art Bastellaune geriet – kam er in die Kammer, sah mich an und schüttelte missbilligend den Kopf. Ich machte mir keinerlei Illusionen und war bereit für meinen letzten Gang zur Abfalltonne. Doch dann geschah das große Wunder, die Wende in meinem Leben. Mit zwei Metallspangen und etwas Zweikomponentenkleber konnte er mich doch tatsächlich wieder reparieren. Ich klappte sogar besser als je zuvor. Vor Seligkeit hätte ich ihn umarmen können. Es folgten erneut herrliche gemeinsame Angeltage an den Gewässern. Wenn man zum zweiten Mal geboren wird, erlebt man ja alles viel intensiver und bewusster. Der Fischgeruch kam mir nunmehr fast wie Rosenparfüm vor. Und wenn auch mein Herr den ganzen „Lohengrin“ rückwärts gepfiffen hätte, mich konnte nichts mehr erschüttern. Auch mit der Tenniskescherin hatte ich mich ausgesöhnt. Ich gestehe, wir waren uns sogar privat näher gekommen. Wir hingen jetzt an einem Haken – übereinander!
Inzwischen sind meine Maschen etwas morsch geworden und ich bin auch nicht mehr ganz so gelenkig wie früher, was besonders schwer wiegt, wenn man nur ein Gelenk hat. Aber meinen Platz als Ersatzkescher halte ich bis heute.
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