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„Bomben“ basteln in der Bahn (01/2010) |
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Arnulf Ehrchen
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Ich bin mir absolut sicher: Einige Mit-Pendler in meinem morgendlichen Standard-Zug von Lübeck nach Hamburg haben mich als Bomben bauenden Terroristen im Verdacht. Heimlich lassen Sie die Augen langsam von ihrer Tageszeitung zu der kleinen Kiste auf meinen Knien wandern. Feine Drähte, eine Zange, ein Schere und komische Gebilde aus Gummi können sie erkennen, bevor sie blitzschnell den Kopf wieder runternehmen, wenn ich kurz hochgucke. Bei einigen wiederholt sich dieses Spiel die ganze Fahrt über. Was ich da auf fast jeder Bahnfahrt Richtung Büro mache, werden viele von Ihnen schon erraten haben: Ich nutze die Zeit, um Vorfächer zu bauen. Nur selten einmal lässt aber einer der anderen Fahrgäste seiner Neugier freien Lauf. „Entschuldigung, was machen Sie da eigentlich?“ Gerne gebe ich Auskunft und erkläre auch, welchen Zweck welches Kleinteil erfüllt. Sowie dabei das Wort Angeln fällt, wird die Gesprächsrunde urplötzlich größer. „Ich angle auch!“ heißt es von dem älteren Herrn eine Sitzreihe hinter mir auf einmal. „Im Urlaub geht’s wieder nach Schweden und...“ Bei geschätzt über zwei Millionen Anglern in Deutschland ist es eigentlich kein Wunder, dass wir überall auf andere Fans von Haken und Rute stoßen. Und neben dem Angeln selber gibt es für die meisten von uns kaum etwas Schöneres, als über das Angeln zu reden. Je nach Jahreszeit variiert mein Kisteninhalt für die Bahn erheblich. Im Februar begleiten mich kräftige, kleine Öhrhaken und Fluorocarbon auf dem Weg zur Arbeit. So früh im Jahr hab ich orange-farbene Augen und goldene Flanken im Kopf, baue ultrakurze Vorfächer fürs Festbleifischen auf Schleie. Später in der Saison werden die Haken größer und ein Musterboilie – den Mitreisenden zuliebe nicht Monster-Crab – ist ebenfalls im Gepäck. Mit raffinierten Rigs in der Vorfachbox bin ich gerüstet für große Rüssler. Etwas zu basteln gibt es ja immer: Ganz aktuell bekommen meine Vertikalköder für Zander Zusatzdrillinge an kurzen Vorfächern verpasst – natürlich in perfekter Länge. Gar nicht so einfach, den Stahldraht in die dünne Klemmhülse zu bekommen, wenn der Regionalexpress mal wieder unsanft durch die Landschaft holpert. Schöner Nebeneffekt jeder Bastelei: Die Zeit vergeht wie im Flug. Selbst die übliche außerplanmäßige Pause auf dem Gleis kurz vorm Hauptbahnhof kann mich so nicht mehr schocken: Fünf Minuten Verspätung sind ein Vorfach mehr. In diesem Sinne – Nutzen Sie Ihre Zeit. Eine kleine Kiste mit Bastelzubehör passt in jede Aktentasche und nimmt Wartezeiten auf Bahnsteigen, Behördenfluren oder Arztpraxen jeden Schrecken. Arnulf Ehrchen
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