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Der Nachwuchs macht mobil (02/2007)
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Als der Taktstock zur Angel wurde...

 

Dr. Walter Böhnisch...spielte Musik nur noch die zweite Geige. Walter Böhnisch aus Kolkwitz arbeitete viele Jahre an verschiedenen Opernhäusern als Dirigent. Doch seine Leidenschaft gilt neben Bach, Beethoven und Mozart der Fischerei. In unserer neuen Serie tauscht er die Primadonna gegen prima Fische und erzählt von Bächen und Seen, Stille und Einsamkeit, Rekorden und Revieren

Natürlich interessierten sich meine beiden Kinder Katrin und der drei Jahre jüngere Michael zunächst überhaupt nicht  für die Angelei, solange sie noch im Kindergartenstadium waren. Das sollte sich aber bald ändern, nachdem ich einmal einen Ball mit nach Hause brachte. Besonders an der Sebnitz wurden immer wieder an tiefen, schwer zugänglichen Kehren die schönsten Bälle angeschwemmt. Da schaukelten große und kleine, ja gelegentlich sogar richtig gute Fußbälle im Wasser, und so manches Mal konnte ich einen oder zwei als Beute mit nach Hause bringen. Natürlich  äußerten die Kinder bald den Wunsch, auch mal mit an einen Bach zu kommen, um „so schöne bunte Bälle zu angeln”. Die Begeisterung war riesig, als sie eines Tages tatsächlich selbst einen zur Strecke brachten. Die beiden wollten darüber hinaus aber auch wissen, was der Vati eigentlich sonst noch aus dem Wasser zog. Und das Werfen der glitzernden Blinker erregte ebenfalls ihre Aufmerksamkeit. „Das wollen wir auch mal probieren!” – war der einhellige Wunsch. Ein richtiger Angelvater steht selbstverständlich einem solchen Begehren sehr aufgeschlossen gegenüber. Und so wurde im Garten ein alter Eimer aufgestellt, aus einem Blinker der Drilling entfernt und schon konnte es mit der Wurfschule losgehen. Kinder begreifen ja wirklich schnell. Und bald verriet wiederholtes Klirren, dass das Zielobjekt regelmäßig getroffen wurde. Das Üben mit der Flugrute fand einige Jahrer später ebenfalls im Garten statt. Unser kleiner Gartenteich war durchaus geeignet, das weiche Aufsetzen einer Fliege zu trainieren. Hin und wieder musste ich allerdings den Verdacht einiger Nachbarn zerstreuen, wir würden die eigenen Goldfische erlegen. Michael war inzwischen zwölf Jahre alt geworden und wollte mich unbedingt auf einer großen Tour begleiten. Er hatte zu Weihnachten ein Paar Watstiefel bekommen, dazu eine Weste und natürlich eine zünftige Mütze. Früh um sechs Uhr ging es also los in Richtung Sebnitz. Selbstverständlich durfte er den Kescher tragen, was ihn mit besonderem Stolz erfüllte. Große Fänge gab es nicht an diesem Vormittag. In letzter Zeit war hier ein Fischotter gesichtet worden. Der Nachwuchs macht mobilSollte das vielleicht der Grund sein? Ja, wenn man schon etwas vorführen will! Also frühstückten wir erst einmal. Ein dicker Baumstamm vor einer mit Schwefelflechte überzogenen Felswand bildete einen idealen Sitzplatz. Zu essen gab es trockenes Brot mit Knacker und ein hart gekochtes Ei. Eine zünftige Fachsimpelei über die Vor- und Nachteile des Blinkerangelns gehörte natürlich auch dazu. Es war schon ein richtiges „Männerabenteuer”. So gestärkt brachen wir auf, um das Anglerglück vielleicht doch noch zu erzwingen. Unmittelbar vor uns lag jetzt ein tiefer Gumpen an einem Prallhang, der recht viel versprechend aussah. Acht bis zehn „Meisterwürfe” (man möchte sich vor dem eigenen Sohn ja keinesfalls blamieren) brachten keinen Erfolg. Die Stelle war schließlich „ausgeangelt”. „Michael, willst du mal einen Wurf probieren?” Natürlich wollte er. Ich drückte ihm die Angelrute in die Hand und er versuchte es. Sicher war aber die Aufregung viel zu groß, denn der Blinker schnipste hoch in die Luft, prallte an einem Ast ab und klatschte zwei Meter vor uns ins Wasser. „Na, da müssen wir zu Hause noch einmal kräftig üben, das war ja gar nichts. Jetzt spule erst mal wieder auf”, war mein Kommentar. „Vati, das geht aber nicht!” „Wahrscheinlich hängst du noch an einem Ast fest. Na, mach schon!” Der Ast erwies sich aber als recht störrisch und dann sehr lebendig. Eine große Regenbogenforelle hatte zugeschnappt und setzte sich zur Wehr. Es begann ein richtig harter Drill. Ich konnte nur noch kurze Anweisungen geben: „Rute senken, wenn er springt! Jetzt wieder Fühlung nehmen! Langsam heranholen!” Michael hielt sich wacker. Allerdings habe ich nie wieder so rote Ohren bei ihm gesehen. Das Keschern übernahm ich selbst. Die Forelle sah rekordverdächtig aus. Die Messung ergab: 47 Zentimeter! Eine größere hatte ich tatsächlich noch nie gefangen. Michael sagte nicht viel. Aber der Stolz war ihm schon anzusehen. Gleich beim ersten Versuch den eigenen Vater zu übertreffen, das musste ihm erst einmal einer nachmachen. Und, wie könnte es auch anders sein, er war fürs Leben geprägt: Ganz ohne Angeln ging es später nicht mehr!

 
 
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