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Der Ukelei-Hecht (01/2007)
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Als der Taktstock zur Angel wurde...

 

Dr. Walter Böhnisch...spielte Musik nur noch die zweite Geige. Walter Böhnisch aus Kolkwitz arbeitete viele Jahre an verschiedenen Opernhäusern als Dirigent. Doch seine Leidenschaft gilt neben Bach, Beethoven und Mozart der Fischerei. In unserer neuen Serie tauscht er die Primadonna gegen prima Fische und erzählt von Bächen und Seen, Stille und Einsamkeit, Rekorden und Revieren

Wir machen Urlaub in Neubrandenburg bei den Schwiegereltern. Es ist Anfang August. Meine liebe Frau beschäftigt sich gerade mit ihrer Garderobe und ist daher sehr gut aufgeräumt. Was liegt also für einen Angler näher, als einen Angelversuch zu unternehmen? Seen gibt es ja hier genügend. Es wäre doch zu schön, wieder einmal einen Hecht zu erwischen. Schnell ist mit dem Auto ein entsprechendes Gewässer erreicht. Besonders gut sind meine Chancen heute allerdings nicht. Denn es ist erst früher Nachmittag. Von einem hochsommerlichen, wolkenlosen Himmel strahlt die Sonne unbarmherzig herab. Dummerweise sind auch noch die wenigen Angelstege von Urlaubern mit ihren lärmenden Sprösslingen besetzt. Abschrecken lasse ich mich aber nicht so leicht. Eine Portion Optimismus steckt doch in jedem Angler. Sonst hätte man ja schließlich auch Briefmarkensammler werden können. Also: Irgendetwas werde ich schon fangen. Petrus hilft. Ich pirsche am breiten Schilfgürtel des Sees entlang. Vielleicht findet sich ein Durchgang zum Wasser. Plötzlich ein viel versprechendes Geräusch. Die Stelle ist gerade günstig, ich komme tatsächlich bis zum Ufer vor. Es glitzert, platscht und spritzt. Na klar, die Ukeleis laichen! Ich bin aber nicht der Einzige, der angelockt wurde: Mitten in diesem Tumult steht ein ganz passabler Hecht! Die Ukeleis wimmeln um sein Maul herum. Wahrscheinlich ist er satt. Oder sind ihm die Bissen etwa zu klein? Jedenfalls rührt er sich nicht von der Stelle. Auf einmal scheint er mich zu bemerken. Für Sekunden blicken wir uns direkt in die Augen, taxieren uns. Dann wird er misstrauisch. Ganz langsam, Zentimeter für Zentimeter, versinkt er – ohne seinen fixierenden Blick von mir zu lassen – in die Tiefe. Ukelei-HechtSo eine intensive, fast hypnotische Begegnung mit einem Fisch hatte ich später nie wieder. Das, was ich soeben gesehen hatte, war keine panische Reflexhandlung, sondern ähnelte viel eher einem „besonnenen” und geordneten Rückzug. Der Bursche hatte irgendwie Format und beeindruckte mich. Andererseits: War das eine verpasste Chance? Oder vielleicht doch nicht? Möglicherweise kommt der Räuber zu seinem Platz zurück. Ich bin ja schließlich im Urlaub und habe mindestens genauso viel Zeit wie er. Jetzt ziehe ich mich erst einmal ganz vorsichtig zurück. Dabei setze ich förmlich mein einfältigstes Gesicht auf, um ja ganz harmlos zu wirken. In den nächsten zwei Stunden will ich mich hier nicht sehen lassen. Weit entfernt suche ich mir wieder eine freie Uferstelle. Schließlich brauche ich ja Köderfische. Kein Problem – die kleinen Plötzen schnappen gierig nach den angebotenen Teigkügelchen, und bald ist der Köderfischkessel voll. Ich bestücke die Angel mit einem Fisch und werfe ihn vor ein Seerosenfeld. Nichts rührt sich. Auch nach langem Warten – kein Biss. Absolute Flaute. Anglerschicksal. Es wird Abend und damit Zeit für mein Vorhaben. Vorsichtig geht es zur Ukeleistelle zurück. Mit einer kleinen Plötze an der Angel krieche ich vorsichtig wie ein Indianer (man hat ja seinen Karl May gut gelesen) bis zum Wasser vor. Einige Schilfhalme geben mir leichte Deckung. Der Hecht ist tatsächlich wieder da. Diesmal sieht er mich nicht. Und jetzt geht alles ganz schnell: Den Köderfisch vor das Hechtmaul gehalten, gieriger Biss, sofortiger Anhieb, kurzer heftiger Drill und der Überraschte zappelt im Kescher. Mein zweiter Esox ist mit seinen 67 Zentimetern zwar kein Riese, aber er wird mir immer als der Ukelei-Hecht in Erinnerung bleiben.

 

 
 
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