Die Gewitterforelle (03/2007)
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Als der Taktstock zur Angel wurde...

 

Dr. Walter Böhnisch...spielte Musik nur noch die zweite Geige. Walter Böhnisch aus Kolkwitz arbeitete viele Jahre an verschiedenen Opernhäusern als Dirigent. Doch seine Leidenschaft gilt neben Bach, Beethoven und Mozart der Fischerei. In unserer neuen Serie tauscht er die Primadonna gegen prima Fische und erzählt von Bächen und Seen, Stille und Einsamkeit, Rekorden und Revieren

„Heute Nachmittag”, sagte ich zu meiner achtjährigen Tochter Katrin, „darfst du mich auf einer richtigen Angeltour begleiten! Und ich glaube, wir werden auch erfolgreich sein.” Zwei Tage zuvor hatte ich nämlich an der Sebnitz eine große Regenbogenforelle am Haken, die ich nach kurzem Drill wieder verlor. Der Haken der schwarzen Nassfliege war sicher zu klein und auch nicht sehr scharf, wie ich nachträglich feststellen musste. „Warum nehme ich auch immer wieder das weniger gute Material? Wofür schone ich eigentlich mein bestes Zeug?” – ärgerte ich mich über mich selbst. „Aber, meine gute Salmonidendame, ich komme wieder. Dann bin ich aber besser gerüstet, kenne genau deinen Standplatz und die Karten werden neu gemischt.” Heute ist also der Tag der Revanche. Aufgeregt stiefelt meine kleine Tochter mit mir los. Bis zum Ort des Geschehens brauchen wir etwa eine halbe Stunde. Weil Katrin nur kniehohe Siefel hat, muss ich sie einige Male über den Fluss tragen. Schon das ist ein kleines Abenteuer für sie. Leider spielt das Wetter nicht so recht mit. Es wir immer dunkler und in der Ferne rumpelt es bedrohlich. Endlich sind wir an der richtigen Stelle angelangt. Der Fluss prallt hier an eine hohe Felswand und bildet einen tiefen Kolk. Der Fels läuft in einer kleinen Nase aus und unmittelbar dahinter müsste die Forelle im Schatten der Strömung auf Beute lauern – wenn sie noch da ist! Ich suche mir einen guten Standplatz. Ganz besonders sorgfältig wird alles noch einmal überprüft: der große Streamer Marke „Eigenbau”, die Hakenschärfe und sämtliche Knoten. Es gibt nichts auszusetzen. Nur der Donner kommt gefährlich näher. Langsam treibt der Köder stromabwärts und ich lasse ihn verlockend vor der Felswand spielen. Nichts passiert. Eine knisternde Spannung liegt über dem Wasser. Kein Lüftchen rüht sich. Die Ruhe vor dem Sturm. Jetzt ist das Gewitter direkt über uns! Gerade können wir noch unter eine Brücke der Sebnitztalbahn flüchten, da prasselt auch schon der Regen hinab. Ich erinnere mich: Vor Jahren hatte ich an der Gottleuba ein ähnlich schweres Gewitter im Auto abgewartet und danach in kurzer Zeit noch fünf Regenbogenforellen gefangen. Die GewitterforelleIch bleibe also optimistisch. Als Vater kann man in so einer Situation auch noch pädagogisch wirken: „Man sollte nie gleich aufgeben, sondern aus einer scheinbar hoffnungslosen Sache das Beste machen.” So höre ich mich heute noch dozieren. Zur Überbrückung der Zeit werden zunächst ein paar Kekse ausgepackt, die eine dankbare Abnehmerin finden. Es regnet weiter. Damit keine Langeweile aufkommt, erzähle ich ihr die Geschichte von meinem Freund Kurt, der bei einer Angeltour bis zum Hals im Wasser verschwand, was meine kleine Tochter sehr beeindruckt. Und bald, so schnell wie er gekommen war, ist der Regenguss vorbei. Zwar grummelt es noch etwas in der Ferne, aber wir können unseren schützenden Standplatz verlassen. Die Natur wirkt jetzt wie erlöst. Alles scheint aufzuatmen – und wir auch. Aus Erfahrung weiß ich, dass sich die Sebnitz nach Regengüssen immer schnell eintrübt. Noch ist das nicht passiert. Aber wir müssen uns beeilen. Also schnell zurück zur Angelstelle. Hoffentlich steht die Forelle noch da und hoffentlich ist sie in Beißlaune. Petrus hilf! Ich bin mir nicht sicher, ob er mich allein erhört hätte, aber er bringt es wohl nicht übers Herz, die kleine Katrin zu enttäuschen. Kaum ist der Streamer wieder im Wasser und zuckelt zweimal hin und her, erfolgt auch schon der Biss! Und es ist tatsächlich die erhoffte Große, das spüre ich sofort am Widerstand. Ein bisschen stolz bin ich schon, weil ich meiner Tochter mal einen richtig spannenden Drill vorführen kann. Und als die Forelle endlich im Kescher liegt, führen wir beide einen freudigen Indianertanz am Ufer auf. 47 Zentimeter! Die bisher Längste. Das Abenteuer ist für Katrin unvergesslich geblieben und noch Jahre später denken wir gerne an die gemeinsam erlegte Rekordforelle.

 

 
 
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