Als der Taktstock zur Angel wurde...
...spielte Musik nur noch die zweite Geige. Walter Böhnisch aus Kolkwitz arbeitete viele Jahre an verschiedenen Opernhäusern als Dirigent. Doch seine Leidenschaft gilt neben Bach, Beethoven und Mozart der Fischerei. In unserer neuen Serie tauscht er die Primadonna gegen prima Fische und erzählt von Bächen und Seen, Stille und Einsamkeit, Rekorden und Revieren
Österreichurlaub ist angesagt und auch die Angelrute befindet sich natürlich mit im Reisegepäck. Diesmal bin ich mit meinem Cousin unterwegs – Männerurlaub, ohne irgendwelche Rücksichten nehmen zu müssen, wie es eben im Leben manchmal nötig ist. Aber zunächst gilt es, den stolzen Berghäuptern unsere Reverenz zu erweisen. Der Hochiss, Chef des Rofangebirges, in dessen Nähe wir unser Quartier haben, bietet sich geradezu als Ziel an. Früh um sechs Uhr beginnen wir unseren Aufstieg. Mein Cousin, der etwas gewichtiger ist als ich, steigt ein wenig langsamer und so kommt es, dass ich nach einer Stunde ganz allein in der Bergwelt bin. Die Sonne meint es heute wirklich sehr gut. Bald bin ich völlig durchgeschwitzt. Ich ziehe alles Beengende aus und steige mit freiem Oberkörper weiter. Der Weg wird immer steiler und schmaler. Jetzt komme ich an einigen schönen Exemplaren des Höhenfleckviehs vorbei. Es grast friedlich und beachtet mich gar nicht. Nach einer scharfen Wegbiegung wird mein Aufstieg plötzlich gebremst. Ein halbes Dutzend Kühe blockiert den Weiterweg. Rechts eine hohe Felswand, links ein Latschenkieferdickicht. Den ersten Gedanken, zwischen den Beinen der Rindviehdamen durchzukriechen, verwerfe ich sehr schnell wieder. Es könnte ja eine von ihnen gerade ihre Schleusen öffnen. Ich – als duftende Pechmarie! Nicht auszudenken. Die frischen Kuhfladen ringsherum sprechen eine zu eindeutige Sprache. Testend pieke ich der Vordersten vorsichtig mit meinem Bergstock ins Hinterteil. Freundlich dreht sie sich um, kommt interessiert näher und beginnt, mich genussvoll abzulecken. Ich begreife: Mein Salzgeschmack ist hier oben an der Baumgrenze eine Rarität. Vorsichtig versuche ich zurückzuweichen. Das geht aber nicht! Denn die untersten Kühe, die gesehen haben, wie gut ich der oberen Kollegin schmecke, drängen ungestüm nach, um mich auch einmal zu kosten. Die Köpfe der beiden vordersten Kühe sind schließlich nur noch 20 Zentimeter von einander entfernt und ich bin hoffnungslos zwischen ihnen eingeklemmt. Wie noch nie im Leben gerate ich in Panik!
Wenigstens kann bei mir weiterer Angstschweiß kaum noch aus-treten – ein nur sehr schwach tröstender Gedanke! Links im Latschendickicht sehe ich eine kleine Lücke. Aber die aufkeimende Hoffnung, dort flüchten zu können, bricht gleich wieder zusammen. Genau auf dieser Stelle steht der einzige Bulle der Herde. Sehr groß ist er nicht, aber seine Hörner sind ziemlich spitz und er sieht sehr entschlossen aus! Ausgerechnet gegen mich harmlosen Wanderer glaubt er, seine Kuhmädels verteidigen zu müssen. Ich muss etwas tun, sonst werde ich von diesen noch ganz wund geleckt und liebevoll zerquetscht. Mit einem verzweifelten Sprung lande ich im Latschendickicht. Mit Armen und Beinen wühle ich mich durch das stachlige Hindernis. Nur so schnell wie möglich weg von hier! Ziemlich zerkratzt und ramponiert tauche ich weiter oben nach der letzten Kuh aus dem Gestrüpp wieder auf. Gerettet! Langsam wird mein Pulsschlag ruhiger und ich fühle mich dem Leben zurückgegeben. Die Herde wendet sich wieder ihrer eigentlichen Nahrungsgrundlage zu. Die Fliegen tun sich gütlich an den verlockenden Kuhfladen. Alles ist voller Frieden wie zuvor. Mein Cousin, der eine halbe Stunde später eintrifft, weiß nichts Besonderes zu berichten. Kunststück: Er hatte ja auch sein Hemd anbehalten! Trotz der landschaftlich sehr schönen Tour ist mir eines völlig klar: Gleich morgen werde ich mich zur Erholung nach diesem ausgestandenen Schrecken um die Angelmöglichkeiten in der Umgebung kümmern. Die Alpenbäche werden mir meine innere Ruhe wiedergeben. Schließlich haben mich die Flossenträger noch nie bedrängt. Sie sind weder vorlaut noch muhen sie dauernd impertinent. Keiner von ihnen hat mich je abgeleckt. Sie haben keine spitzen Hörner und in ihre Exkremente kann man auch nur schwerlich treten. So gesehen wird der Urlaub sicher doch noch sehr schön werden.
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