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Einsichten bei Dauerregen (03/2008)
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Als der Taktstock zur Angel wurde...

 

Dr. Walter Böhnisch...spielte Musik nur noch die zweite Geige. Walter Böhnisch aus Kolkwitz arbeitete viele Jahre an verschiedenen Opernhäusern als Dirigent. Doch seine Leidenschaft gilt neben Bach, Beethoven und Mozart der Fischerei. In unserer neuen Serie tauscht er die Primadonna gegen prima Fische und erzählt von Bächen und Seen, Stille und Einsamkeit, Rekorden und Revieren

Es ist Mittwoch Abend. Morgen früh will ich im Bach stehen und endlich einmal wieder angeln. Nach zweistündiger Autofahrt erreiche ich noch kurz vor Ladenschluss das Fachgeschäft am Rande der Sächsischen Schweiz. Meine Bitte um eine Salmonidenangelkarte für morgen wird erstaunt angehört. „Leider haben wir keine da, sie werden nur noch selten verlangt“, sagt mir der freundliche Verkäufer. „Aber wir können natürlich bis morgen Vormittag eine besorgen.“ Das ist mir zu spät, denn bis ich dann an meinem Bach bin, verliere ich ja einen halben Angeltag. Ich kann also erst für Freitag eine Karte bestellen. Aufsteigenden leichten Ärger unterdrücke ich ganz schnell wieder. Man darf nicht alles gleich negativ sehen. Vorfreude – schönste Freude! „Was passiert eigentlich, wenn es regnet?“, frage ich noch. „Dann haben sie Pech gehabt. Die Karten dürfen nicht zurückgenommen werden und das Geld gibt es auch nicht wieder!“ „Aha.“ Ich hole also Donnerstag meine Papiere ab und stehe dann schon Freitag früh am auserwählten Gewässer. Das Wetter ist grau in grau. Kaum habe ich meine Angel ausgepackt, fängt es an zu tröpfeln und zehn Minuten später geht ein stundenlanger Landregen nieder. Nur gering durchweicht, rette ich mich ins Auto. Man kann ja erst einmal das Frühstück vorziehen und – damit die Zeit verrinnt – schön langsam kauen. Wie lange habe ich schon nicht mehr jeden Bissen 32-mal gekaut? Einsichten bei DauerregenDas muss in Zukunft wirklich wieder anders werden. Ganz gegen meinen Willen schweifen die Gedanken 20 Jahre zurück. Wie war das eigentlich früher? Ich hatte doch einmal im Jahr eine Salmonidenkarte gekauft und konnte damit vom Fichtelberg bis Kap Arkona überall angeln. Wenn ich mich recht erinnere, gab es damals 15 Bezirke, die tatsächlich unverständlicherweise gegenseitig ihre Papiere anerkannt haben. Aber so ein einfaches, geradezu primitives Vorgehen kann man heute wahrhaftig nicht mehr empfehlen. Da lob ich mir doch unsere heutige, so lieb gewonnene Bürokratie! Noch immer regnet es. Ich harre aus. Darin bin ich abgehärtet. Wer 22 Jahre auf seinen Trabant gewartet hat, den erschüttert nichts so schnell. Im Gegenteil: Die Möglichkeit, einmal in Ruhe über die Vergangenheit nachzudenken, erfüllt mich mit großer Dankbarkeit. Manches Unvernünftige erscheint plötzlich vernünftig und manches Dumme noch dümmer. Wie war das vor Jahren an der Traun? Als ich pudelnass das Angelgeschäft betrat, kam mir gleich der Verkäufer entgegen: „Ja schauns, heute konnte man bei diesem Regen wirklich nicht angeln. Hier ist ihr Geld zurück! Servus. Bis bald!“ Nun ja, die Österreicher werden schon noch begreifen, wie schädlich sich diese antiautoritäre Erziehung ihrer Angler auswirken wird. Ich schalte das Autoradio ein. Der Wetterbericht ist deprimierend. Ich glaube, die 15 Euro Angelgebühren habe ich also in den Sand gesetzt. Aber sind sie nicht hervorragend angelegt? Schließlich müssen ja diejenigen bezahlt werden, die sich unsere guten Angelbestimmungen ausdenken. Kann ich nicht überhaupt zufrieden sein, frage ich mich? Keine Staatsgrenze hält mich mehr auf. Bis Neuseeland könnte ich zum Fischen fahren, wenn ich mir das leisten könnte. Statt zwischen zwei kann ich mich jetzt zwischen 300 Angelrollen entscheiden, alle mit mindestens acht Kugellagern und fantastisch klingenden Namen. Gut, dafür gab es früher hier Fische in den Bächen. Aber das sollte man wirklich nicht überbewerten. Alles auf einmal kann man nun einmal im Leben nicht haben! Zehn Stunden im Auto sitzen, das stärkt ungemein die Ausdauer und das Durchhaltevermögen, was man wiederum im Leben sehr gut gebrauchen kann. Gegen Abend lässt der Regen tatsächlich etwas nach. Ich steige aus dem Auto, lockere meine verspannte Wirbelsäule – später werde ich sie noch mit Rheumasalbe einreiben – und sehe mir den angeschwollenen Bach an. Mit geschlossenen Augen nehme ich sein vertrautes Rauschen in mich auf. Einmal werfe ich auch noch den Blinker ins Wasser und ziehe ihn durch die kaffeebraune Brühe zurück. Das muss für heute genügen. Schließlich ist Fische fangen wirklich nicht das Wichtigste beim Angeln! Einsicht, Selbstfindung und Erkenntnis zählen weit mehr! Dankbar und wie fast immer bereichert, verlasse ich meinen Bach. Ich bin überzeugt, viele unserer Petrijünger würden für das Nichtangeln bei Regen gern noch einen kleinen finanziellen Aufschlag zahlen, denn was sind schon zwei erbeutete Forellen gegen den geistigen Zugewinn, den man beim untätigen Herumsitzen und stundenlangen Nachdenken hat! Aber ich will den Verantwortlichen nicht vorgreifen, deren schwierige Arbeit man natürlich verstehen muss. Die Möglichkeit, eine Tageskarte zu verkaufen, wobei der Angler selbst das Angeldatum einträgt, können sie auf keinen Fall unterstützen, denn ein gewisses Misstrauen – uns Anglern gegenüber – ist immer angebracht. Wenn wirklich ein Unehrlicher unter uns wäre, der einen fischleeren Bach zweimal beangelte, der volkswirtschaftliche Schaden ginge bei solchem Verhalten ins Unermessliche und das wollen wir doch alle nicht! 

 

 
 
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