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Wenn es mit Kind und Kegel an die Küste geht, bedeutet das meistens Sonne, Sandburg und Softeis – nicht jedoch für Jungangler Simon. Lucia Baumgärtner über Freud und Leid einer Mutter, deren Sohn der Fischerei verfallen ist Endlich Ferien! Gelöstes Gelächter schallt durch das Haus, im Flur stapeln sich Schwindel erregend die Koffer und Reisetaschen einer fünfköpfigen Familie. Simon hat sich in sein Zimmer zurückgezogen, er scheint noch intensiv mit Packen beschäftigt zu sein. „Und? Kommst Du?“, rufe ich durch das Treppenhaus. Ohne die Antwort abzuwarten, gehe ich nach oben, um nachzuschauen. Unser Jüngster hat sorgfältig gepackt, ja geradezu vorbildlich akkurat! Doch nicht den Koffer mit den bereitgelegten T-Shirts und Hosen, nein, der Angelkoffer ist soeben vollendet. Eine zeitaufwändige Inventur aller Angelutensilien vor dem Urlaub muss schon sein. „Versteh doch, Mami. Das sind all die wichtigen Dinge, die ich für die französische Atlantikküste brauche.“ Ich sehe ihm forschend ins Gesicht, beherrsche mich und nicke schließlich zustimmend. Prioritäten müssen gesetzt werden, ganz klar. Wie konnte ich das nur vergessen? Ich weiß nicht mehr genau, wann die Leidenschaft für das Angeln entfacht wurde. Schon im Kindergartenalter hantierte er erstaunlich geschickt mit einem Kescher am Gewässerrand. Um es gleich vorweg zu sagen, wir sind keine passionierten Angler. Doch Simons Vater ist Limnologe (Süßwasserforscher). Unzählige Male hat er seinen Sohn auf Gewässerexkursionen mitgenommen und ihm vieles gezeigt. Wenn andere gleichaltrige Jungen sich im Aufsagen von Automarken übten, zuckte Simon nur unbeeindruckt die Schultern. Für ihn waren Flohkrebse, Zuckmückenlarven und Kolbenwasserkäfer die wirklichen Stars! In der Grundschule hielt er sein erstes Referat. Jedes Kind durfte sich ein Thema auswählen. Simon ist im Sternzeichen der Fische geboren. Sein Referat über Süßwasserfische versetzte die Lehrerin in ungläubiges Staunen und die Mitschüler in grenzenlose Begeisterung. So viele Gewässertierchen, die in kleinen Gläsern zappelten, hatte es noch nie in der Schule gegeben. Doch Schluss mit der Schule, es sind Sommerferien. Wir bringen unser Zwergkaninchen noch in die Sommerfrische zu den Großeltern und fahren dann über Paris an die französische Atlantikküste. Die Fahrt zieht sich stundenlang hin und ist trotz Klimaanlage im Auto sehr anstrengend. Die Hochspannung wächst! In der Höhe von Bordeaux erreichen wir schließlich das Meer. Da ist er, der große Moment! Die Luft flimmert über einem endlosen, weißen Traumstrand. Ein tiefblauer Himmel spannt sich über uns. Es duftet nach fein würzigen Zypressen. Das aufbrausende Getöse der kraftvollen Meereswellen ist unsere Willkommensmusik. Strahlende Gesichter – bis auf eines. Unser Jüngster kneift im hellen Sonnenlicht die Augen zusammen und nach kurzer Zeit lässt seine Mimik nichts Gutes erahnen. „Und wo soll ich hier bitte meine Köder fangen? Wo sind hier geeignete Felsen?“, ruft er uns enttäuscht und mit vorwurfsvollem Unterton entgegen. Wir haben Mühe, ihn zu trösten. Wie konnten wir bei unserer Urlaubsplanung den Fang der Köder vergessen? Gott sei Dank fahren wir nach einer Woche weiter Richtung Norden auf die Insel Noirmoutier. Wie versöhnlich ist diese Gegend für einen Jungangler! Bei Ebbe suchen ganze Scharen von Menschen in gebückter Haltung nach Meeresgetier. Vor allem Muscheln und Schnecken für den heimischen Kochtopf sind begehrt.
Lockruf des Meeres
Während seine zwei Geschwister noch tief schlafen, öffnet Simon erwartungsvoll die blau gestrichenen Fensterläden seines Ferienzimmers. Es ist Zeit hinauszugehen, um Köder zu fangen. Bei Ebbe lassen sich ganz leicht Krabben zwischen den Felsen keschern. Wir joggen am Strand entlang und sehen schon von weitem sein rotes T-Shirt und den dunklen Haarschopf in der Morgensonne leuchten. Hier vergisst er von Glück erfüllt Raum und Zeit. Er ist oft der letzte, der am Frühstückstisch erscheint, selbst die köstlichen französischen Croissants können ihn nicht locken. Die Nachmittage verbringe ich lesend unter den Zypressen. Hin und wieder schlendere ich hinüber zu dem großen Holzsteg, wo Simon seine Angel ausgeworfen hat. Er geht auf Makrele! Mit der Zeit habe ich verstanden, dass Angler natürlich ihren eigenen Jargon haben. Auf dem Steg steht ein Angler neben dem anderen. Es gibt aufmunternde Blicke und Tipps für den jungen Angler aus Deutschland. Man versteht sich unter Kollegen. Vor einiger Zeit hatte mir unser Sohn während der Schulzeit unmissverständlich erklärt, dass er nur deshalb diese stupiden Französischvokabeln lerne, um sich mit den französischen Anglern besser austauschen zu können. Diesem Argument ist natürlich nichts entgegenzusetzen! Wer glaubt, die Angellust eines Zwölfjährigen sei nach einem Nachmittag am Meer erschöpft, der irrt. Das Hafenbecken ruft, vorher wird noch ein Besuch im Angelgeschäft eingeschoben. Die Kollegen auf dem Steg hatten eindeutig bessere Haken. Eine frische Brise kommt auf, er trägt jetzt seinen bretonischen Fischerpullover. Und wie endet wohl das Ganze? Ist unser Sohn schon angelsüchtig? Zweifellos, so wird es sein. Na ja, Ernest Hemingway lernte ebenfalls schon sehr früh jagen und angeln und liebte das Leben in der Natur. Simon unterbricht meine Gedankenspiele: „Heute Abend können wir richtig toll Fisch essen, ja?!“ Solch einem strahlenden Gesicht kann keiner widerstehen. Tatsächlich gibt es am Abend ein mediterranes Fischmenü. Mit einem scharfen Messer und mit geübter Hand nimmt Simon die Fische nacheinander aus. Ganz schön cool, denke ich, aber ich bewundere ihn für seine zielgerichtete Herangehensweise. So wie ich ihn kenne, wird er am morgigen Tag wieder sehr früh die blauen Fensterläden öffnen, um anschließend mit Eimer und Kescher bestückt sehr glücklich auf Köderfang zu gehen.
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