Heilbutt oder Eishai (06/2007)
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Als der Taktstock zur Angel wurde...

 

Dr. Walter Böhnisch...spielte Musik nur noch die zweite Geige. Walter Böhnisch aus Kolkwitz arbeitete viele Jahre an verschiedenen Opernhäusern als Dirigent. Doch seine Leidenschaft gilt neben Bach, Beethoven und Mozart der Fischerei. In unserer neuen Serie tauscht er die Primadonna gegen prima Fische und erzählt von Bächen und Seen, Stille und Einsamkeit, Rekorden und Revieren

Eigentlich ist es mir schon fast peinlich, diese Geschichte überhaupt zu erzählen. Aber vielleicht können andere blutige Anfänger – wie wir es damals waren – doch etwas daraus lernen. Wir (das heißt meine Frau Carola, Sohn Michael, Tochter Katrin und ich) befanden uns das erste Mal an einem norwegischen Fjord, dem Austfjord, etwa 80 Kilometer nördlich von Bergen. Selbstverständlich hatten wir ein Motorboot gemietet. Es war nicht sehr groß und wegen der vielen Angelutensilien, die auch verstaut werden mussten, blieben darin nur noch drei bequeme Sitzplätze übrig. Wir würden uns also beim Fischen abwechseln müssen. Bei der ersten Ausfahrt wollte jedoch gern meine Frau dabei sein. Tapfer stieg sie in das schaukelnde Boot. Michael warf den Motor an und hatte wohl etwas zu viel Gas gegeben, denn der Kahn schoss sich aufbäumend in die See hinaus. Die Wellen wurden immer höher, je weiter wir uns vom Ufer entfernten. Carolas ansonsten rosige Farbe spielte leicht ins Grünliche. Eine richtige Wikingerbraut hatte ich da wohl nicht abbekommen! Aber wenigstens die Platzfrage im Boot war für alle Zeiten geklärt. Am nächsten Morgen also fuhren wir restlichen drei Unerschrockenen los. Eine leichte, wechselnde Brise wehte und es war recht frisch auf dem Kahn. Wir zogen alles übereinander, was wir überhaupt mithatten. Zuletzt die farbigen Schwimmwesten, in denen wir wie gut genährte Paradiesvögel aussahen. In unserem Bootsschuppen hing eine Skizze, auf der die beste Angelstelle eingezeichnet war – in der Nähe eines großen Felsens, der weit aus dem Wasser herausragte. Den steuerten wir also an. Die Angeln waren schon fertig montiert. Es konnte losgehen. Die Pilker und Gummimaks sausten in die Tiefe und wurden verlockend auf und ab bewegt. „Katrin, an deiner Angel befestigen wir zusätzlich noch ein Stück Makrele”, sagt ich zu meiner Tochter, „das erhöht deine Chancen. Sicher hast du heute Anfängerglück.” Wieder versank der Köder im Wasser. „Hat schon geklappt. Da hat einer angebissen. Hat der aber eine Kraft!” Heilbutt oder EishaiSchnell die anderen beiden Angeln aus dem Wasser, damit wir uns nicht gegenseitig behindern. Und jetzt begann ein langer Kampf. Katrins Kräfte waren bald am Ende und ich übernahm ihre Angel. Was musste das für ein Brocken sein! Er zog so stark, dass Rute und Schnur wie ein Flitzebogen gespannt waren. Dann wieder schien er sich auszuruhen und ich konnte ihn ein Stück herankurbeln. Bald tat auch mir alles weh und Michael löste mich ab. Mehr als eine Viertelstunde ging der Kampf hin und her. Wir feuerten uns gegenseitig an und wechselten uns immer wieder ab. Nur durchhalten, wenn es auch schmerzt! Irgendwann musste der Riese doch mal müde werden. Ob wir ihn überhaupt zu Gesicht bekommen? Der Fotoapparat lag jedenfalls griffbereit. Urplötzlich hörte der Widerstand auf. Michael holte die Montage ein. Die Schnur über dem großen Pilker war glatt durchgebissen! Unsere Enttäuschung kann man sich sicher gut vorstellen, die Erleichterung aber auch, denn die Muskeln waren doch recht strapaziert worden. Wir fuhren erst einmal zum Ufer zurück, suchten unseren Bungalow auf und schliefen, durch die ungewohnte Meeresluft müde geworden, eine ausgiebige Runde. Nachmittags ging es zum Einkaufen in einen kleinen Dorfladen. Dort kamen wir mit Einheimischen ins Gespräch und versuchten mit Händen und Füßen unser Abenteuer zu schildern. Auf die gleiche Art gab man uns zu verstehen, dass wir sicher mit einem Heilbutt oder mit einem riesigen Leng gekämpft hätten. Das wäre hier nichts besonderes. Die im Laden aushängenden Bilder waren der Beweis. Ja, so einer musste es gewesen sein! Wir schöpften neue Hoffnung. Der Urlaub hatte ja grade erst begonnen. Am nächsten Morgen ging es mit auflaufender Flut wieder rauf aufs Meer. An der gleichen Stelle senkten wir unsere Montagen zum Grund und  – Petri dank – nach kurzer Zeit hatte das Monster tatsächlich wieder angebissen. Das gleiche Spiel wie am Vortage begann: Schnur geben, ein Stück heran Kurbeln, wieder Schnur geben. Sollte es wirklich so einen Zufall geben? Was war hier überhaupt los? Welche Kräfte halten uns eigentlich zum Narren? Die berühmten Schuppen fielen uns mit einem Male von den Augen: Natürlich hingen wir am felsigen Untergrund fest. Jedes Mal, wenn der Gegenwind auffrischte, trieb das Boot ab. Die Schnur spannte sich und es war, als würde ein Fisch ziehen. Wenn er dagegen abflaute, ließ die Zugkraft nach und wir hatten lediglich den eigenen Kahn wieder ein Stück an den Felsen heran- gekurbelt. Alles wirkte so, als wäre ein lebendiges Wesen am Werke. Unsere angestaute Spannung entlud sich in einem großen Gelächter. Wenigstens hatten wir das Gefühl kennen gelernt, wie es ist, wenn man einen Kapitalen am Haken hat. Und Fische fingen wir in diesem Urlaub noch genügend, aber das ist wieder eine andere Geschichte.

 
 
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