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Loblied auf die Entkommenen (04/2007)
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Als der Taktstock zur Angel wurde...

 

Dr. Walter Böhnisch...spielte Musik nur noch die zweite Geige. Walter Böhnisch aus Kolkwitz arbeitete viele Jahre an verschiedenen Opernhäusern als Dirigent. Doch seine Leidenschaft gilt neben Bach, Beethoven und Mozart der Fischerei. In unserer neuen Serie tauscht er die Primadonna gegen prima Fische und erzählt von Bächen und Seen, Stille und Einsamkeit, Rekorden und Revieren

Oft ist es ja so, dass uns nicht die Fische beeindrucken, die wir gefangen haben, sondern diejenigen, die uns entwischt sind. Angelkataloge und Zeitschriften berichten verständ-licherweise nur spärlich über solche Misserfolge. Die weit ausgestreckten Arme eines leer ausgegangenen Petrijüngers ohne einen Fisch darin wären natürlich auch wenig fotogen. Ein genaues Maß oder Gewicht gäbe es auch nicht und das bekannte Anglerlatein würde noch weit üppiger ins Kraut schießen. Und doch haben die Entkommenen eine große Bedeutung für uns. Sie halten unsere Begeisterung für das Angeln aufrecht, lassen uns weiterhin auf Kapitale hoffen und zeigen uns, dass es solche tatsächlich noch in unseren Gewässern gibt. Sagen sie uns nicht auch: Etwas habt ihr falsch gemacht. Und wenn ihr das begriffen habt, könnt ihr uns beim nächsten Mal vielleicht doch noch erwischen. Ein Hoch auf die Nichtgefangenen. Sie machen unser ohnehin schon spannendes Hobby noch spannender. Wenn ich über meine eigenen Entwischten nachdenke, so fallen mir vor allem drei kapitale Forellen ein, die ich aus unterschiedlichen Gründen wieder ziehen lassen musste. Bei der ersten war ich selbst schuld. Bei der zweiten wurde ich irgendwie ein Opfer der Angelliteratur. Und bei der dritten handelte es sich einfach um ein Naturereignis. Nach einer anstrengenden Theaterspielzeit hatte ich wieder einmal das Bedürfnis, die Lackschuhe mit den Watstiefeln zu vertauschen. Und so machte ich mit meiner Familie Urlaub in Thüringen am Oberlauf der Ilm. Ein schöner Fluss mit  interessanten Stellen, leicht zu bewaten und auch recht gut besetzt – es war Liebe auf den ersten Blick. Eines Abends befand ich mich wieder auf der Pirsch. Vor mir lag in der untergehenden Sonne eine verfallende Mühle und zwischen hohen Bäumen schlängelte sich der Bach. Romantik pur. „Hier gehört eigentlich – sozusagen als Hausherrin – nur noch eine große Forelle hin”, dachte ich mir, als ich die Nass-fliege abtreiben ließ. Und tatsächlich. Es gab eine! Sie biss sofort und war riesengroß. Der Drill war leichter als zunächst vermutet. Da ich das Keschern nicht für nötig hielt, zog ich den Fisch einfach zügig an das flache Ufer. Als ich ihn schon in Sicherheit glaubte, löste sich plötzlich der Haken. Die Forelle machte einige schnelle Schwanzschläge und verschwand, obwohl ich sie mit Händen und Füßen verzweifelt daran zu hindern versuchte, wieder in ihr Element zu entwischen. Mein Ärger war grenzenlos. Damals schwor ich mir, selbst an den kleinsten Bach nie wieder ohne Kescher zu gehen und vor allem ihn auch zu benutzen. Angelliteratur hat durchaus ihre guten Seiten. Sie verkürzt uns lange Wintertage, oft kann man daraus für den Eigengebrauch etwas lernen. Allerdings musste ich erfahren, dass man die guten Ratschläge nicht allzu wörtlich nehmen sollte: Ich las damals einen Artikel, in dem der Verfasser glaubhaft darstellte, dass die meisten von uns mit zu dickem Vorfach angeln. Loblied auf die EntkommenenGerade große Fische wären durch lange Erfahrung sehr misstrauisch geworden und oft nur durch ein unauffälliges feines Vorfach zum Anbiss zu verleiten. Das leuchtete mir durchaus ein, und ich nahm mir vor, künftig darauf zu achten. Bei meiner nächsten Angeltour an die Sebnitz knüpfte ich also die große schwarze Nassfliege an ein 0,18er Vorfach und lies sie besonders hoffnungsvoll abtreiben. An einer tiefen reißenden Stelle, an der man sich kaum auf den Beinen halten konnte, gab es einen leichten Biss und dann einen enormen Widerstand. Die Schnur spannte sich zum Zerreißen. Und bald zeigte sich meine Gegnerin, eine riesige Regenbognerin, wie ich sie noch nie gesehen hatte! Einem silbernen Halbmond gleich sprang sie zweimal hoch aus dem Wasser, und schon war die dünne Schnur gerissen. Ich hatte nicht die Spur einer Chance. Jeder dem so etwas ähnliches passiert ist, kennt das Gefühl: Man steht machtlos im Fluss. Das Wasser rauscht, als wäre nichts geschehen, der Ärger umkrampft das Herz und das Gehirn kennt nur noch einen Gedanken: Du Esel! Hätteste bloß...! Ja, und der Dritten bin ich an der Kirnitzsch begegnet. Nach einem nicht sehr erfolgreichen Angeltag kam ich an ein Wehr. Im Auslauf der Strömung sah ich eine Forelle nach Insekten steigen. Schwer zu entscheiden, ob sie maßig war. Ein guter Wurf würde das klären. Sie nahm die angebotene Fliege sofort und hing auch fest. Plötzlich löste sich ein Schatten aus der Uferbe-festigung. Eine riesige Raubforelle packte die kleine, schüttelte sie und strebte mit der zappelnden Beute ihrem Unterstand zu. Ich war handlungsunfähig vor Überraschung. Das Ganze dauerte nur Sekunden, dann merkte die Große, dass mit ihrer Beute etwas nicht stimmte. Sie ließ los und verschwand in ihrem Versteck. Mir blieb nur der Trost, dass ich diesmal wirklich nichts falsch gemacht hatte. Noch dutzende Male habe ich später diese Stelle beangelt, die Riesin kam nie wieder.

 

 
 
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