Als der Taktstock zur Angel wurde...
...spielte Musik nur noch die zweite Geige. Walter Böhnisch aus Kolkwitz arbeitete viele Jahre an verschiedenen Opernhäusern als Dirigent. Doch seine Leidenschaft gilt neben Bach, Beethoven und Mozart der Fischerei. In unserer neuen Serie tauscht er die Primadonna gegen prima Fische und erzählt von Bächen und Seen, Stille und Einsamkeit, Rekorden und Revieren
Lieber Petrus! Entschuldige, dass ich mich heute schon wieder mit einem Vorschlag an Dich wende und lasse es mich bitte bei meinem nächsten Angelausflug nicht büßen. Folgendes Problem beschäftigt mich immer wieder: Wir haben heutzutage Präsidentinnen, Dirigentinnen, sogar eine Bundeskanzlerin und auch die Anzahl der Anglerinnen nimmt erfreulicherweise weltweit zu. Nur in unserer himmlischen Führungsetage dümpeln wir immer noch geradezu vorsintflutlich und patriarchalisch dahin. Hast Du eigentlich schon mal an eine Frau als Angelpatronin zu Deiner Unterstützung gedacht? Denn spezifisch weibliche Prob-leme gibt es durchaus bei unserem Hobby. Stell Dir nur einmal vor: Eine gemischte Mannschaft sitzt seit vier Stunden in einem Boot auf einem norwegischen Fjord. Der Morgenkaffee meldet sich drängend und es gibt wegen der steilen Felsen keine Möglichkeit, am Ufer zu landen. Männer wissen sich da zur Not noch immer irgendwie zu helfen (Motto: Mädel, guck mal schnell weg!). Aber die armen Frauen kommen schon rein optisch in eine äußerst prekäre Lage. Und lieber Petrus, sei mal ehrlich: Könntest Du wirklich fachgerecht eine von den überaus wichtigen weiblichen Modefragen beantworten, wie zum Beispiel: Trägt man in diesem Jahr die Watstiefel mit hohem oder flachem Absatz? Ist die Wathose in Karottenform oder unten ausgestellt modern? Traust du Dich auch an Intimeres: Wie verstaut man eine etwas üppiger geratene Oberweite in einer engen Fliegenweste, ohne auf wichtige Angelutensilien verzichten zu müssen? Schon Deine Frömmigkeit würde Dir bei einer detaillierten Auflistung hier völlig im Wege stehen. Unsere ansonsten umfassende Angelliteratur geht nicht einmal ansatzweise auf diese Probleme ein. Knotenbinden und Wurftechniken sind natürlich auch wichtig, aber das Menschliche bleibt eben allzu oft auf der Strecke. Wo werden beispielsweise so global interessierende Themen abgehandelt wie: Mein Schleier – der beste Mückenschutz am Angelteich? Nein, es muss einfach eine kompetente Fachfrau an Deine Seite. Ich würde für den neu zu schaffenden Posten Maria Magdalena vorschlagen, die scheint mir immer so wenig ausgelastet zu sein und sie könnte sich hervorragend damit profilieren. Natürlich müsste der Name etwas eingekürzt und möglich „angelsächsisch“ modernisiert werden. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass ein forsches „Mary Heil!“ schon rein akustisch die Stimmung an unseren Fischgewässern aufhellen würde. Und einen Nebeneffekt erhoffe ich mir auch noch: Vielleicht wäre dann endlich Schluss mit unserem unerträglichen, machohaften Gehabe, dass nur der Längste, Dickste und Schwerste etwas zählt! Möglicherweise könnten unsere Angelveranstaltungen in Zukunft ganz anders aussehen: Wer fängt die bunteste Regenbogenforelle, den schlanksten Karpfen oder die grätenärmste Plötze? Es ginge wieder um Qualität statt Quantität, um Klasse statt Masse. Lieber Petrus, entschuldige, wenn ich fast ein bisschen aus der Rolle gefallen bin, um es mal angeltechnisch auszudrücken. Aber mit wem kann man schon so entspannt plaudern wie mit Dir? Wenn Du uns in Deiner unerforschlichen Weisheit auch nicht immer alle Wünsche erfüllst, so hörst Du uns doch immer geduldig zu.
Mit einem dankbaren „Petri Heil!“ verbleibe ich Dein treuer Petrijünger Walter Böhnisch
|