Als der Taktstock zur Angel wurde...
...spielte Musik nur noch die zweite Geige. Walter Böhnisch aus Kolkwitz arbeitete viele Jahre an verschiedenen Opernhäusern als Dirigent. Doch seine Leidenschaft gilt neben Bach, Beethoven und Mozart der Fischerei. In unserer neuen Serie tauscht er die Primadonna gegen prima Fische und erzählt von Bächen und Seen, Stille und Einsamkeit, Rekorden und Revieren
Klingt er nicht geheimnisvoll, dieser Name „Dalarna” – fast wie aus „Tausend und einer Nacht” entlehnt? Das war aber nicht der einzige Grund, warum wir bei unserer ersten Schwedenreise diesen schönen Landstrich aussuchten. Und tatsächlich empfing uns im Ort Särna, wo wir ein Ferienhaus gemietet hatten, eine große Tafel, auf der in mehreren Sprachen zu lesen war: „Willkommen im besten Salmonidenfanggebiet von ganz Schweden!” Wir waren froh, dass wir nach zweitägiger Anreise noch kurz vor Ladenschluss eine Angelgenehmigung erwerben konnten. Dazu gab es ein Gewässerverzeichnis, das uns unzählige Möglichkeiten an Flüssen, Bächen und Seen eröffnete. Selten hat uns das Angelfieber so spontan erfasst. Jetzt zeigte erst einmal meine liebe Frau Carola ihre Qualitäten als verständnisvolle Anglerfrau. Selbstlos nahm sie das Entladen des Autos und das Einräumen der Utensilien im Bungalow auf sich, drückte Michael und mir eine Angel in die Hand und schickte uns in unsere Jagdgründe. Nicht weit entfernt, am Fluss Fjätan, begannen wir erwartungsvoll unsere Flugangeln zu schwingen. Obwohl alle äußeren Bedingungen geradezu ideal waren, hatte nach zwei Stunden noch keiner von uns einen Biss. Ziemlich irritiert beendeten wir unseren Angeltag. Der Anblick des herrlichen nordischen Waldes entschädigte uns ein wenig. Wie verzaubert wirkte er im späten Abendlicht. Es gab Moose und Flechten in allen Farbschattierungen, und die Rotkappen in den weißen Rentierflechten sahen aus, als würden sie im Schnee wachsen. Ein richtiger Märchenwald. Etwas unheimlich wurde uns allerdings, als in der Ferne Wolfsgeheul zu hören war. Vorsichtshalber machten wir uns schleunigst auf den Heimweg. Der nächste Tag endete an einem anderen Bach mit einem Misserfolg. Wir fragten die Einheimischen um Rat. Doch die zuckten nur mit den Achseln. Zu viele Niederschläge in diesem Jahr, zu viel Wasser in den Flüssen. Wir waren zwar sehr enttäuscht, gaben aber die Hoffnung nicht auf. Wenn es schon mit den Forellen nicht klappt, dann vielleicht mit Hechten oder anderen Flossenträgern. Strategiewechsel war angesagt. Es gab in der Umgebung eine Unmenge mooriger Seen, die durch langsam fließende, 30 bis 40 Meter breite Kanäle verbunden waren. Und die konnte man mit der Spinnangel leicht absuchen. Allerdings mussten wir uns erst an die nicht ganz ungefährlichen Schwingwiesen gewöhnen. Mit der Zeit bekam man aber ein Gespür dafür, auf welche Pflanzen man gefahrlos treten konnte – ohne bis zum Bauch im Moor zu versinken. Bald tasteten wir uns bis an die Wasserkante vor, wo die Pflanzengesellschaft am dünnsten war und beim Betreten am meisten wackelte. Von jetzt an ging es aufwärts mit unseren Angelerfolgen. Ein Hecht nach dem anderen wurde aus seinem Element gezogen. Innerhalb der nächsten Tage fingen wir 14 Stück! Die Ernährungsgrundlage war gesichert. Allerdings: Hechtsuppe mit Preiselbeerkompott gehörte später nicht mehr zu unseren Lieblingsgerichten. Auch das Wolfsgeheul fand zu unserer Erleichterung eine recht einfache Erklärung: Bei einer Exkursion in die Umgebung stellten wir fest, dass es ganz in der Nähe eine Huskyfarm gab. Und ihre tägliche Fütterung wurde von den Tieren mit entsprechend freudigem Geheul begrüßt. Als ich einmal mit Michael noch spät abends angelte, sah ich schon von weitem, dass er ein Problem hatte: Ein Drilling war tief in seinen Daumen eingedrungen! Das übliche Mittel – durchschieben und Spitze abkneifen – erwies sich als unmöglich, denn der Haken saß unmittelbar vor dem Daumennagel. Da konnte nur noch ein Arzt helfen! Aber wo gab es hier einen? Zunächst fuhren wir zu unserem Ferienhaus zurück, um Carola als Verstärkung mitzunehmen. Mütter werden ja stets zu Tigerinnen, wenn ihren Söhnen auch nur die geringste Gefahr droht und sind in solchen Situationen oft recht nützlich. Wir fuhren also zum nächsten Ort, um uns zu einem Arzt durchzufragen. Verständigungsschwierigkeiten gab es diesmal überhaupt keine. Michael brauchte nur seinen Drillingsdaumen hochzuhalten und schon wurde uns gezeigt, in welche Richtung wir zu gehen hatten. Das Krankenhaus lag etwa zwei Kilometer von Särna entfernt und es gab natürlich einen Bereitschaftsdienst. Man denke aber nicht, dass es in der Nähe des Polarkreises schlechtere Bürokraten gibt als bei uns. Zuerst wollte man unsere Auslandsversicherungskarte sehen – dann das medizinische Problem. Wir konnten beides vorweisen und einer Behandlung stand nichts mehr im Weg. Die kleine Operation dauerte vielleicht zehn Minuten. Dann kam Michael mit dick verbundenem Daumen zurück. Die Ärztin sprach recht gut deutsch. Wir bedankten uns mit dem Hinweis, dass so eine Operation sicher nicht alle Tage vorkomme. Da lächelte sie hintergründig und führte uns in ein Nebenzimmer. Da gab es eine große Pinnwand, die von oben bis unten mit all den Haken und Blinkern bestückt war, welche sie im Laufe des letzten Jahres aus Hunden, Katzen und Anglern herausoperiert hatte. Auch Michaels Blinker bekam dort
einen Ehrenplatz. Und wenn es inzwischen keinen Dekorationswechsel gegeben hat, so hängt er heute noch dort.
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