Als der Taktstock zur Angel wurde...
...spielte Musik nur noch die zweite Geige. Walter Böhnisch aus Kolkwitz arbeitete viele Jahre an verschiedenen Opernhäusern als Dirigent. Doch seine Leidenschaft gilt neben Bach, Beethoven und Mozart der Fischerei. In unserer neuen Serie tauscht er die Primadonna gegen prima Fische und erzählt von Bächen und Seen, Stille und Einsamkeit, Rekorden und Revieren
Kennen lernten wir ihn, als wir im norwegischen Austfjord etwas missmutig auf unserem Kahn saßen. Gerade stellten wir fest, dass auch an so genannten Beststellen die Fische sich keineswegs darum streiten, wer zuerst anbeißen darf, da näherte sich von Ferne ein kleines Boot. Ein junger Norweger saß darin. Zu unserem Schreck rammte er uns von der Seite. Das war aber ganz freundschaftlich gemeint, sozusagen als Eskimokuss von Boot zu Boot. Er hatte eine ganze Kinderbadewanne voll geangelt und blickte mitleidig auf unsere zwei kleinen Fischchen. Katrin und Michael konnten sich ganz gut auf englisch mit ihm unterhalten. Ich habe leider diese Sprache nicht gelernt und verstand natürlich kein Wort. Ole, so stellte er sich vor, wollte in den nächsten Tagen einmal mit uns zusammen fischen und uns zeigen, wie es richtig geht. Er tippte kurz an seine Mütze und tuck, tuck, tuck, war er schon wieder mit seinem Kahn verschwunden.
Wie immer verstrich die Urlaubszeit viel zu schnell. Wir hatten die Begegnung längst wieder vergessen. Michael musste eher nach Deutschland zurück. Wir brachten ihn also nach Bergen zum nächsten Flughafen. Natürlich besichtigten wir bei dieser Gelegenheit diese schöne, alte Stadt. Den Hafen, die alten Patrizierhäuser und selbstverständlich auch den berühmten Fischmarkt. Ein Wegweiser mit der Aufschrift Sandwike beeindruckte mich besonders. War das nicht die Bucht, in der in Wagners „Fliegendem Holländer” das Gespensterschiff landete? Für einige Minuten hatte mich der Beruf wieder eingeholt. Gegen 19 Uhr erreichten wir unser Feriendomizil. Ich war todmüde von den vielen Eindrücken und wollte mich sofort hinlegen. Dazu kam es aber nicht mehr, denn plötzlich stand Ole vor der Tür und fragte, ob wir mit ihm angeln wollten. Natürlich wollten wir. Eine gemeinsame Ausfahrt mit einem echten Wikinger kann man sich einfach nicht entgehen lassen. In Windeseile zogen wir uns um. Die Müdigkeit war wie weggeblasen. Ole stieg zu mir und Katrin in den Kahn und schon tuckerten wir los. Diesmal ging es in eine ganz andere Richtung. In der Nähe einer Lachsfarm stoppten wir das Boot. Und dann ging es wirklich Schlag auf Schlag: Dorsche, Köhler und Schellfische bissen um die Wette. Das erste Mal im Leben konnte ich sehen, dass eine Triplette kein Märchen ist. Ole machte seinen Vorfahren alle Ehre. Er stand grundsätzlich aufrecht im Kahn, auch wenn die Wellen noch so hoch schlugen. Seine geangelten Fische hatte er bereits ausgenommen, bevor er sie über die Bordkante zog. Alles ging blitzschnell. „Vati, du musst irgendwas sagen“, raunte mir Katrin zu, „Ole denkt sonst, dir gefällt es gar nicht!“ In meiner Not riss ich die Arme hoch und rief „holiday wonderfull“, so ziemlich die einzigen Vokabeln, die ich außer „yes” und „okay” noch kenne. Ole nickte zufrieden. Jetzt passierte es zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben, dass wir einen Angelabend wegen zu großem Erfolg frühzeitig beenden mussten! Der Wetterbericht hatte für den nächsten Tag Dauerregen angesagt. Doch als ich gegen 9 Uhr mal kurz durch die Gardine blinzelte, sah ich einen strahlend blauen Himmel. „Katrin, aufstehen! Wir versuchen heute noch mal unser Glück.“
Benzin war noch genug im Boot und schnell hatten wir die Stelle vom Vorabend wieder erreicht. Die See war spiegelglatt und die Sonne brannte unbarmherzig vom Himmel. Und Petrus meinte es gut mit uns, denn unsere Vorratsbehälter füllten sich zusehends. Plötzlich vernahmen wir das bekannte Tuckern. Ole begrüßte uns. Anerkennend schaute er in unseren Kahn und war sichtlich stolz, dass er so lernfähige Schüler herangezogen hatte. Er sagte etwas zu Katrin. Diese nickte eifrig und so schnell, wie er gekommen war, war er schon wieder entschwunden. Inzwischen befanden wir uns mitten in einem Schwarm von Makrelen und wer diese temperamentvollen Burschen einmal kennen gelernt hat, weiß, dass wir beim Angeln von „moderato auf presto“ umschalten mussten. Wir waren so beschäftigt, dass wir beinahe das bekannte Tuckern überhörten. Ole war zurückgekommen. Verschmitzt griff er hinter sich in seine gelbe Kinderbadewanne und warf in hohem Bogen drei große Lachse in unser Boot. Dann tippte er wieder auf seine Mütze und kaum, dass ich einige enthusiastische „holiday wonderfull’s“ von mir geben konnte, war er um die nächste Felsnase verschwunden. Am Bootsschuppen erwartete mich schon gespannt meine Frau Carola – glücklich darüber, dass uns das wilde Meer nicht behalten hatte. Den ganzen Tag waren wir drei mit dem Versorgen und Einfrosten der Beute beschäftigt. Und als wir dann später nach fast zweitägiger Fahrt alles unaufgetaut bis nach Hause brachten, fiel uns ein großer Stein vom Herzen. Beim Lachsräuchern auf unserer Terrasse wurde dann kräftig auf ihn angestoßen und er stand noch einmal im Mittelpunkt der Erzählungen: Ole, der Wikinger!
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