Der Giebel

Geschrieben von Arnulf am .

Feines Posenfischen ist top für GiebelFeines Posenfischen ist top für GiebelDer Giebel dürfte heute die häufigste „Karausche“ sein, die uns an den Haken geht. Zumindest, wenn ich das anhand der Fangmeldungen beurteile, die hier in der Redaktion landen. Zu locker 80 Prozent sind es Giebel, die von stolzen Fängern für das Foto hoch gehalten werden. Bei vielen der Fische steht aber Karausche unter dem Bild. Ganz klar: Giebel werden laufend mit Karauschen verwechselt. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Beide Arten sehen sich ähnlich, zum Teil sehr ähnlich. Zählen gegen Zweifel ist die sinnvollste Devise, denn an drei zählbaren Merkmalen können wir die beiden hübschen Fische mit den großen Schuppen auseinanderhalten. Am leichtesten dürfte es fallen, die Schuppen entlang der Seitenlinie zu zählen. Sind es mehr als 31 (und bis zu 35), haben wir mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Karausche in der Hand. Für einen Giebel liegt die Zahl zwischen 27 und 31. Wer sich etwas mehr Zeit nimmt – und gute Augen hat – kann auch die Flossenstrahlen der Brust- und Bauchflossen auszählen. Fangen wir mit der Brustflosse an: Beim Giebel landen wir bei 15 oder 16 Strahlen, die Karausche bietet nur 13 oder 14. Wie sieht es unterm Bauch aus? Giebel: sieben bis neun Strahlen, Karausche neun bis elf. Leider müssen wir uns an solche feinen Unterschiede halten, denn offensichtliche Merkmale wie die Färbung des Schuppenkleides besitzen leider keinen Wert für die Unterscheidung. Es gibt sowohl Karauschen mit erstaunlich silbrigen Flanken als auch Giebel, die in schönstem „Karauschen-Gold“ daherkommen. Wer vorhat, den Fisch zu verspeisen, findet beim Ausnehmen mit dem Bauchfell ein weiteres Bestimmungsmerkmal. Bauchfell? Das ist ein feines Häutchen, das die inneren Organe des Fisches umgibt – und beim Giebel schwarz gefärbt ist. Der Giebel gilt übrigens als Stammform des Goldfisches, den viele von Ihnen sicher auch schon im Aquarium oder Gartenteich hatten. Erfreulich: Sowohl Giebel als auch Karausche erreichen Größen, die unsere feinen Match-Ruten schön krumm werden lassen. Ein Sechs-Pfünder ist bei beiden möglich! Das feine Posenfischen ist ohnehin die erfolgreichste Methode, um eine schöne Karausche oder einen knackigen Giebel zu erwischen. Ganz unabhängig von seiner Ähnlichkeit zur Karausche gibt es über den auch Silberkarausche genannten Weißfisch wirklich Erstaunliches zu berichten: Viele Giebelbestände bestehen ausschließlich aus Damen. Und sterben trotzdem nicht aus! Grund dafür ist die Fähigkeit der Giebelweibchen, sich ohne das Mitwirken von Männchen zu vermehren! GiebelEin Vorgang, den die Biologen als Gynogenese bezeichnen. Ganz ohne männliche Beteiligung geht das Ganze aber nicht über die Bühne: Die Eier der Giebelweibchen brauchen für die Entwicklung Sperma anderer Fische. Der Samen dringt in die Eizelle ein, befruchtet diese aber nicht. Trotzdem wird die Zellteilung angeregt und am Ende gibt es neue Giebelchen im Teich. Ursprünglich stammt Carassius gibelio, wie die Wissenschaftler den Giebel nannen, übrigens aus Ostasien. Eventuell kam er aber auch in Osteuropa natürlich vor. Bei uns sind Giebel wohl durch den Import von Goldfischen eingewandert – und mit ausgesetzten Aquarienfischen zusammen in verschiedene Gewässer gelangt. Dort führen sie meist ein Leben im Verborgenen, da sie unerkannt bleiben. „Ach schon wieder ’ne kleine Karausche!“ Aber vielleicht ist es bald in ein paar Gewässern vorbei mit dem „Undercover-Dasein“. Sie wissen ja jetzt, dass da ein Giebel im Kescher liegt und keine Karausche.
Arnulf Ehrchen