Der dreistachelige Stichling

Geschrieben von Arnulf am .

Nestpflege und das Bewachen der Eier sind für Herrn Stichling EhrensacheNestpflege und das Bewachen der Eier sind für Herrn Stichling EhrensacheWas hat ein Stichling bei den „süßen Unbekannten“ zu suchen, den kennt doch jeder? Die Frage kann ich verstehen, trotzdem passt der Dreistachlige hier rein. Denn wenn wir von Stichlingen sprechen, kommen gleich mehrere Arten aus der Familie Gasterosteidae in Frage. Im Brackwasserbereich begegnen sich Seestichling (Spinachia spinachia) und zwei Verwandte. Treffen wir in echtem Süßwasser auf Stichlinge, kommen allerdings nur zwei Arten in Frage: Dreistachliger, wissenschaftlich Gasterosteus aculeatus, und Zwergstichling (Pungitius pungitius). Letzterer trägt auch den deutschen Namen Neunstachliger Stichling. Die einfachste Unterscheidung dieser beiden Arten liegt also auf der Hand: Wir zählen die Stacheln auf dem Rücken des kleinen Fisches, der beim Köderfisch-Stippen unsere Made am 18er Häkchen genommen hat. Oder den Junior mit seinem Kescher im Graben hinter dem Haus erwischt hat. Auf diese Weise haben wahrscheinlich die meisten von uns den Erstkontakt zu Stichlingen gemacht: bei den frühesten Versuchen, Fische zu fangen. In vielen typischen Stichlingsgewässern treffen wir übrigens auf keine anderen Fische. Aber der Dreistachlige hat nicht nur als Bewohner extremer Kleingewässer eine Sonderstellung. Auch seine Fortpflanzungsbiologie ist einmalig. Die Hauptrolle spielt dabei ausnahmsweise „der Mann im Haus“. Herr Stichling betreibt einen ganz schönen Aufwand, um seine Gene an folgende Generationen weiterzugeben.
Zuerst wird der maximal acht Zentimeter (im Brackwasser bis zu elf) lange Fisch zum Zimmermann und baut auf sandigem Boden ein Nest aus Pflanzenfasern, die durch ein Sekret der Stichlingsniere zusammen gehalten werden. Auch wenn die lieben Kleinen (im Bildhintergrund) aus dem Haus sind, passt Papa noch eine ganze Zeit auf sie aufDamit es auch wirklich Stichlings-Babys gibt, greift das Stichlingsmännchen dann zu etwas rabia­ten Mitteln und bedrängt oft gleich mehrere Weibchen hintereinander solange, bis sie ihre Eier in dem Nest ablegen. Damit ist ihre Aufgabe auch schon erfüllt, den Rest übernimmt wieder das Männchen, das sich zur Laichzeit richtig „in Schale“ schmeißt. Die Weibchen behalten ihr unscheinbares Äußeres, nur der mit Eiern gefüllte Bauch schimmert rötlich. Kehle und Brust des Dreistachligen Stichlingsmännchens strahlen in kirschrot, dazu trägt er Blau- und Grüntöne auf den Flanken – ein echter Paradiesvogel im Tümpel. Aber eben auch ein rührender Familienvater und Hausmann: Er sortiert tote oder verpilzte Eier aus und hält sein Nest gründlich in Stand. Die rund 50 bis 450 Eier mit Durchmesser von 1,5 bis 1,7 Millimetern können sich so in Ruhe entwickeln. Nach einer bis zwei Wochen ist es dann soweit: Die sieben Millimeter langen Stichlingslarven schlüpfen und schwimmen ins Freie. Aber auch jetzt vergisst Herr Stichling seine Vaterpflichten nicht sofort, sondern passt für eine gute Woche weiter auf den Nachwuchs auf, bevor dieser auf die Jagd nach Kleinstlebewesen geht.
Arnulf Ehrchen