Der Steinbeißer

Geschrieben von Arnulf am .

steinbeisserJetzt sind die Rute&Rolle-Redakteure aber richtig durcheinander geraten. Steinbeißer gehören ja wohl in den Fische&Fjorde-Teil!“ Berechtigter Einwand, aber es gibt zwei ganz unterschiedliche Fische, die denselben Namen tragen. Der Meeresfisch heißt wissenschaftlich Anarhichas lupus und wächst auf bis zu 1,5 Meter Länge und Gewichte über 20 Kilo ab. Richtig, das ist das „Ding“ mit dem bulligen Schädel und den fiesen Zähnen im Maul. Man sagt ihm eine Bisskraft wie bei Kampfhunden nach und der eine oder andere Angler hat beim Hakenlösen schon unangenehme Bekanntschaft mit den Zähnen gemacht: Abgetrennte Finger und gebrochene Handknochen sind verbürgt. Beißerchen können Sie bei seinem Namensvetter im Süßwasser lange suchen, dafür finden Sie bei Cobitis taenia (so der wissenschaftliche Name) aber Barteln am Maul. Sechs Stück sind es, die am Kopf der maximal 14 Zentimeter langen, schlanken Schmerlenart sitzen. Die sehr begrenzte Endgröße wäre zwar eine passende Erklärung für die heftigen Preise von Steinbeißerfilet im Fischhandel, das helle, feste Fleisch stammt aber natürlich von dem Meeresbewohner.
Die Familie, zu der unser diesmaliger „Süße Unbekannte“-Fisch zählt, heißt Cobitidae und gehört zu den Karpfenfischen. Der Steinbeißer, wegen eines Dorns unterm Auge auch Dorngrundel genannt, ist nur einer von mehreren Vertretern in unseren Gewässern.  Unterscheiden lässt sich der hübsch gepunktete und gestreifte Kleinfisch zum Beispiel von der Bachschmerle, der wir uns in einer späteren Ausgabe von „Süße Unbekannte“ widmen werden, am sichersten durch einen Blick auf die Seitenlinie: Beim Steinbeißer ist sie unvollständig und verläuft nur im vorderen Körperdrittel, während sie bei der Bachschmerle komplett über die Flanke geht. Auch im Körperprofil gibt es zwischen diesen beiden Schmerlenarten deutliche Unterschiede: Die Dorngrundel ist stark seitlich abgeflacht, die Bachschmerle hat einen fast runden Querschnitt.
Kommen wir kurz zur Speisekarte von Cobitis taenia: Muscheln oder Krebse knackt der kleine Bursche natürlich keine, sondern füllt sich den Bauch mit Algen und kleinen wirbellosen Tierchen, die er in der Dämmerung zusammen mit Sand vom Boden aufnimmt. Den Sand stößt er unter den Kiemendeckeln hervor wieder aus, was dem Fisch wohl seinen Namen gegeben hat: Steine aufnehmen und zu Sand zerbröseln, was aber nicht stimmt. Am wohlsten fühlt sich der Steinbeißer trotz des Namens nicht auf steinigem, sondern sandigem Untergrund. Obwohl Cobitis taenia übrigens bei passendem Untergrund selbst in stark von Menschenhand geprägten Gewässern wie Gräben vorkommt, gibt es nicht mehr allzu viele intakte Bestände in Deutschland. Wenn Sie also aus Versehen mal einen Steinbeißer auf der Köderfischsenke haben oder er den winzigen Stipphaken mit einem Pinkie genommen hat, lassen Sie ihn schnell wieder schwimmen. Er steht schon auf der Roten Liste gefährdeter Tierarten.
Nicht ganz jugendfrei ist das, was da in idyllischen Wiesenbächen abgeht, wenn Steinbeißer in Hochzeitstimmung sind: Bei der Eiablage hält das Männchen sein Weibchen eng umschlungen und sorgt so dafür, dass sein Samen auch wirklich die bis zu 1600 austretenden, gelblichen Eier erwischt. Diese rund 0,8 Millimeter großen Kügelchen sind klebrig, was garantiert, dass sie sofort eine schützende Sandpanade annehmen.
Arnulf Ehrchen