Das Moderlieschen

Geschrieben von Arnulf am .

Moderlieschen nutzen gern Pflanzenstängel zur Ablage ihrer farblosen EierGroß wird dieser kleine Karpfenfisch nicht. Die absolute Obergrenze für Moderlieschen dürften wohl zehn Zentimeter Länge sein. Das ist dann aber schon so etwas Außergewöhnliches wie ein 80-Pfund-Karpfen! Passend zur Körpergröße kommt Leucaspius delineatus, wie dieser Fisch wissenschaftlich heißt, selbst in Kleinstgewässern wie Kuhtränken oder Restpfützen nach einem Flusshochwasser vor. Dass Moderlieschen so ungewöhnliche und gefährliche (Austrocknung!) Orte besiedeln können, hat auch etwas mit dem Laichgeschäft der kleinen Silberlinge zu tun. Die gerade mal einen Millimeter großen, farblosen Eier legt das Weibchen in Bändern an Pflanzenblättern, Stängeln oder auch Holz ab. Besuchen Enten oder andere Wasservögel zur passenden Zeit ein Moderlieschengewässser, bleiben immer mal wieder Laichbänder an den Vogelbeinen kleben – und die Eier starten später eine Flugreise, die sie zu neuen Ufern führt. Schon gibt es in der nächsten Kuhtränke auf einmal Moderlieschen! Das Phänomen, plötzlich aus dem Nichts in einem Gewässer aufzutauchen, hat den schlanken Fischchen auch den alten deutschen Namen Mutterloseken (von mutterlos) eingetragen. Eine andere Bezeichnung ist Zwerglaube. Tatsächlich ist die Ähnlichkeit zur Laube, auch Ukelei genannt (wissenschaftlich Alburnus alburnus), gar  nicht mal klein. Schauen wir Laube und Ukelei aufs Maul, finden wir in beiden Fällen eine oberständige Maulspalte. Die silbernen Flanken tragen bei Leucaspius delineatus zwar oft einen blau schimmernden Längsstreifen, aber diese Feinheit ist nicht immer gut zu erkennen. Deutlich leichter fällt die Unterscheidung dieser zwei Fischarten anhand der Seitenlinie: Während sie beim Ukelei über die ganze Flanke verläuft, bricht sie vom Kopf aus betrachtet beim Moderlieschen nach acht, maximal zwölf Schuppen ab. Die Maulstellung gibt schon einen Hinweis auf die Ernährung von Moderlieschen. Gerne schnappen sie kleine Insekten, die sich unvorsichtig bis auf die Wasseroberfläche herunterwagen. Gibt es dort nichts zu holen, begnügen sich Mutterloseken auch mit pflanzlichem oder tierischem Plankton wie Wasserflöhen und Hüpferlingen. Bei der Beutesuche an der Oberfläche sind Moderlieschen oft unvorsichtig – und landen nach einem schlecht gezielten Sprung Richtung Mücke zum Beispiel auf einem Seerosenblatt oder im Uferschlamm. Hier wartet im schlimmsten Fall der Tod durch Ersticken oder der ermattete Silberling wird zur leichten Beute von Vögeln. Moderlieschen
Die kleinen Fische mit der unvollständigen Seitenlinie sind Eltern mit großer Fürsorge für den Nachwuchs: Pflanzenstängel, die als Eiablageort dienen sollen, putzt Frau Moderlieschen zum Beispiel erst einmal gründlich. Und wenn die Eier ihren Bestimmungsort gefunden haben, kommt der stolze Vater ins Spiel: Argwöhnisch wird die Umgebung hinblicklich möglicher Eierdiebe bewacht, außerdem der Stängel immer wieder angestupst, um die Eier mit frischem Wasser zu versorgen. Dazu dienen auch Flossenbewegungen in direkter Nähe des Geleges.
Früher hat man aus den Schuppen von Leucaspius delineatus übrigens Perlessenz hergestellt, die dafür verwendet wurde, künstliche Perlen zu ummanteln. Diese Praxis hat den Beständen sicher auch nicht gut getan: Für ein einziges Kilo Essenz mussten rund 100.000 Moderlieschen ihr Leben lassen. Heute sieht es für den kleinen Fisch mit den silbernen Flanken recht unterschiedlich aus. Er steht zwar auf der Roten Liste, kommt aber immer noch in vielen Gewässern vor. In einigen deutschen Regionen werden es sogar wieder mehr. Wer sich Köderfische für Aal, Zander oder Barsch besorgen möchte, hält sich trotzdem sicherheitshalber lieber an Mini-Rotaugen oder Jungbarsche. Von denen gibt es auf jeden Fall genug!
Arnulf Ehrchen