Der Schlammpeitzger

Geschrieben von Arnulf am .

SchlammpeitzgerBefassen wir uns mit einem ganz heimlichen Gesellen. Oder ist Ihnen schon einmal ein Schlammpeitzger in die Finger gekommen? Selbst für Biologen ist es ein seltenes Highlight,  einen dieser zu den Schmerlen zählenden Fische live zu sehen. Trotzdem können wir Angler ihm als Beifang zum Beispiel beim sommerlichen Aalangeln begegnen. Ein Grund dafür: Dieser Fisch wird mit Dämmerungsbeginn besonders aktiv. Im Gegensatz zu seinen Verwandten Bachschmerle und Steinbeißer erreicht der Schlammpeitz-
ger mit bis zu 30 Zentimetern durchaus eine sichtbare Länge. Und ins Maul eines großen Exemplars von Misgurnus fossilis, so der wissenschaftliche Name, passt dann auch ein 8er Haken mit zwei quicklebendigen Rotwürmern. Jetzt darf aber niemand auf die Idee kommen, dass sich so einer doch schon für die Pfanne eignet. Schlammpeitzger sind nicht nur bedroht, sondern auch geschützt. Also, Angucken ist bei versehentlichem Fang natürlich erlaubt, vorsichtiges Zurücksetzen aber vorgeschrieben. Wegen zu hoher Entnahme durch Feinschmecker ist der schlanke Bursche mit dem markanten „Schnauzer“ aus zehn Barteln auch nicht selten geworden. Ihm wird einfach der Lebensraum knapp. Genauso wie immer mehr schöne Wiesengräben verschwinden oder regelmäßig vom Bagger heimgesucht werden, sinkt auch das Vorkommen dieser Schmerlenart, die über erstaunliche Fähigkeiten verfügt, wenn es ums nackte Überleben geht. Denn zu Zeiten, wo andere Fische schon Kiel oben an der Wasseroberfläche treiben würden, zieht es den langgestreckten Burschen mit den braunen Streifen aus einem ganz anderen Grund an die Luft-Wasser-Grenze: Er schluckt dort Luft. Insgesamt zehn Barteln finden sich am Maul des Schlammpeitzgers Insgesamt zehn Barteln finden sich am Maul des Schlammpeitzgers Aber auch Schlammpeitzger können natürlich nicht von Luft und Liebe leben. Den so dringend benötigten Sauerstoff nimmt Misgurnus fossilis über die gut durchblutete Darmoberfläche auf. Diese clevere Überlebenstaktik nennt sich Darmatmung und sorgt dafür, dass der Fisch auch in nährstoffreichen Gräben an heißen Sommertagen genug „Luft“ bekommt. Gegen Planierraupen und Bagger nützt diese biologische Besonderheit aber leider wenig…
Der englische Name des Schlammpeitzgers deutet auf eine weitere Eigenart des Fisches hin: Er heißt bei den Briten Weatherfish – wörtlich übersetzt Wetterfisch. Der Name geht darauf zurück, dass Schlammpeitzger bei Luftdruckänderungen plötzlich sehr aktiv oder passiv werden, was besonders bei Aquarienhaltung (gekaufter Exemplare) auffällt.
Lang ist er der Bursche und oft hübsch gezeichnet noch dazuLang ist er der Bursche und oft hübsch gezeichnet noch dazuNoch ein paar Worte dazu, wie Sie erkennen können, dass da wirklich ein Schlammpeitzger auf der Köderfischsenke liegt oder am Haken hängt: Am einfachsten fällt die Unterscheidung zu verwandten Arten durch das Zählen der Barteln. Schlammpeitzger haben sechs am Oberkiefer und vier am Unterkiefer. Der Körper des Fisches hat im vorderen Bereich einen annähernd runden, im hinteren aber einen seitlich abgeflachten Querschnitt. Zu einer Verwechslung ganz anderer Art kann es bei den Larven von Misgurnus fossilis kommen: mit ihren gut sichtbaren, nicht hinter Kiemendeckeln verborgenen Kiemen ähneln sie Molchlarven. Leider ist es bei – sicher gut gemeintem – Besatz mit Schlammpeitzgern dazu gekommen, dass heute unser Vertreter dieser Gattung einige Reviere mit Arten aus Asien wie Misgurnus anguillicaudatus teilen muss. Schwere Zeiten für einen ungewöhnlichen Fisch, der neben Gräben und langsam fließenden Flüssen auch Weiher, Tümpel und den Uferbereich von Seen bewohnt.
Arnulf Ehrchen