Das Neunauge

Geschrieben von Arnulf am .

Flussneunaugen sind Wanderfische und ziehen zum Laichen in die FlüsseFlussneunaugen sind Wanderfische und ziehen zum Laichen in die FlüsseZuerst die Enthüllung: Der Fisch des Jahres ist überhaupt kein Fisch. Was DAV und VDSF zum Fisch des Jahres 2012 ernannt haben, ist nicht einmal ein enger Verwandter von Aal und Dorsch, sondern eine eigene biologische Gruppe: Rundmäuler. Das war den Verantwortlichen durchaus bewusst, aber die
aalähnlichen, schuppenlosen Neunaugen bevölkern zusammen mit wohl bekannten und seltenen Flossenträgern unsere Bäche und Flüsse. Leider sind es nur noch wenige Gewässer, wo wir den drei wichtigsten heimischen Arten begegnen. Bach-, Fluss- und Meerneunauge heißen sie und erreichen sehr unterschiedliche Längen: Fürs Bachneunauge (wissenschaftlich Lampetra planeri) ist bei rund 20 Zentimetern Schluss, ein Flussneunauge Lampetra fluviatilis kann 50 Zentimeter erreichen und das Meerneunauge Petromyzon marinus schafft sogar volle 120 Zentimeter. Lebens- und Ernährungsweise der drei Arten weichen ebenfalls stark voneinander ab. Während die beiden größeren Vertreter im Verlauf ihres Lebens zwischen Süß- und Salzwasser wechseln, bleibt Lampetra planeri in der Nähe seines Geburtsortes, der im Oberlauf von Flüssen oder in Bächen liegt. Tja, und wenn einem Neunauge der Magen knurrt, dann können die Fische in der Nähe nur hoffen, dass es sich um ein Bachneunauge handelt. Das kleinste der heimischen Rundmäuler filtert als Larve seine Nahrung aus dem Sediment und frisst als erwachsenes Tier nicht mehr. Mit einem nahe liegenden Missverständnis räumen wir an dieser Stelle auch kurz auf: Neunaugen besitzen nur ein Auge pro Körperseite. Der Name rührt von einem etwas zu oberflächlichen Blick bei der Namensgebung her. Ein Alien im Portrait? Nein, die Mundscheibe vom MeerneunaugeEin Alien im Portrait? Nein, die Mundscheibe vom MeerneunaugeDa wurden auch die Nasenöffnung und vor allem die sieben Kiemenspalten pro Körperseite mitgezählt. Genau: macht neun, aber eben keine neun Augen.
An die Angel gehen Neunaugen nie. Trotzdem hat der eine oder andere schon mal ein Neunauge gelandet. Das war in den meisten Fällen ein Meerneunauge und es hatte sich zum Beispiel an einem Dorsch oder Brassen festgesaugt, der dann an den Haken ging. Auch wenn der Fisch seinen Peiniger wieder los geworden ist, sind die runden Verletzungen, die nach dem Ablösen zurückbleiben, kaum zu übersehen. Ein ausgewachsener, gesunder Fisch steckt das Ganze übrigens meist weg, während Neunaugen durch ihr Blut saugen und Fleisch abraspeln kranke Flossenträger durchaus töten können. Apropos tot: Alle Neunaugen sterben nach dem Laichvorgang.
Im Gebiet der Großen nordamerikanischen Seen stellen Neunaugen übrigens heute eine echte Bedrohung für Fische dar und werden systematisch bekämpft. Dabei kommt auch Gift zum Einsatz. Das ist nur deshalb möglich, weil die Neunaugen eben keine Fische sind und das sehr selektive Gift für echte Fische unschädlich ist. In Deutschland sieht die Situation ganz anders aus: Alle Arten sind bedroht. Bachneunaugen sind die kleinsten Vertreter dieser Gruppe in DeutschlandBachneunaugen sind die kleinsten Vertreter dieser Gruppe in DeutschlandAuch wenn Fluss- oder Meerneunauge von der Größe her in der Küche zu verwerten wären, müssen neugierige Hobby-Köche deshalb die Finger von diesen seltenen Wasserbewohnern lassen. Hauptgrund für die Bedrohung der Bestände sind Querverbauungen der Flüsse. Was den Tieren deshalb auf jeden Fall hilft, sind Maßnahmen zum Abbau von Wanderhindernissen. Dieser Rückbau unterstützt in erster Linie Lachs und Meerforelle, aber eben auch Neunaugen. Sollten sich die Bestände irgendwann erholt haben und Neunaugen wieder zum Fang freigegeben werden, dann bieten sich wieder kulinarische Möglichkeiten. Früher hatten die auch Lampetren genannten Neunaugen einen sehr guten Ruf als „Speisefische“.
 Arnulf Ehrchen