Der Schneider

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Die beidseitig eingefasste Seitenlinie ist ein gutes Erkennungsmerkmal des SchneidersDie beidseitig eingefasste Seitenlinie ist ein gutes Erkennungsmerkmal des SchneidersKleine Weißfische sind alles andere als leicht auseinanderzuhalten. Und unsere süße Unbekannte dieser Ausgabe wird gerade einmal 16 Zentimeter lang – im Extremfall. Langsam wachsen tut sie auch: Schon um zehn Zentimeter zu erreichen, braucht Alburnoides bipunctatus, wie diese Fischart wissenschaftlich heißt, rund sieben Jahre. Der Artname bipunctatus lässt sich mit doppelt gepunktet übersetzen und bezieht sich auf das wichtigste Erkennungsmerkmal des Fisches, der im Deutschen Schneider heißt: Der vordere Teil der deutlich nach unten gebogenen Seitenlinie ist auf jeder Seite von kleinen, dunklen Punkten eingerahmt. Das sieht ein bisschen aus wie eine Naht und erklärt den deutschen Namen. Die wahrscheinlichsten Kandidaten für eine Verwechslung mit diesem Fisch sind Ukelei (Laube) und kleine Rapfen. Mit beiden Arten hat der Schneider eine Vorliebe für strömende Gewässer gemeinsam. Nur ist Alburnoides bipunctatus deutlich seltener geworden als diese Verwandten. Anfällig ist der gegenüber Ukelei und Rapfen merklich hochrückigere Fisch vor allem gegen Wasserverschmutzungen und eine hohe Nährstoffbelastung seiner Lebensräume. Das sind überwiegend Bäche und kleine bis mittelgroße Flüsse, nur in Ausnahmefällen Stillgewässer. Oft kommt der Schneider zusammen mit Gründlingen und Bachschmerlen vor. Dass ein Fisch dieser Größe leicht Beute flossentragender Räuber wird, ist klar. Und ein intakter Schneiderbestand steckt „Schwund“ durch Rapfen, Hecht oder Barsch auch locker  weg. Starker Besatz mit Forellen, vor allem Regenbogenforellen, hat aber in Einzelfällen schon zum Verschwinden des kleinen Weißfisches geführt. Ähnlich wie die Fettflossenträger schnappen sich Schneider übrigens gerne Insekten von der Wasseroberfläche. Ansonsten ernährt sich der seltene Bachbewohner vor allem von Kleinkrebsen und Insektenlarven. Gegenüber starker Wassererwärmung ist er weniger empfindlich als Forellen oder Äschen, ist aber genauso auf einen nicht verschlammten Kiesgrund zum Laichen angewiesen. Dort vergraben die Weibchen in den Monaten Juni bis August in mehreren Schüben ihre 800 bis 3000 Eier pro Fisch.
Kommen wir noch einmal auf die Erkennungsmerkmale von Alburnoides bipunctatus zurück, damit nicht aus Versehen ein seltener und geschützter Fisch am System zum Zanderangeln landet. Wenn der Silberling im feinmaschigen Kescher seitlich abgeflacht ist und die Ansatzstellen seiner Brust- und After-, manchmal auch Bauchflosse orange gefärbt sind, haben wir schon erste Hinweise auf einen seltenen Schuppenträger anstelle von einem der vielen Ukeleis. Der nächste Blick geht aufs Maul des Fisches: Beim Schneider ist es endständig, was einen deutlichen Unterschied zum oberständigen Maul der Laube ausmacht. Wer sich gut mit Weißfischen auskennt und auch Strömer (Leuciscus souffia) im Gewässer vermutet, kann Flossenstrahlen zählen und zwar die der Afterflosse: Beim Strömer sind es nur 11 bis 13, beim Schneider dagegen 18 bis 20. Immer noch nicht sicher, was sich da beim Köderfischstippen Ihre Made geschnappt hat? Dann lassen Sie den kleinen Burschen einfach wieder schwimmen. Der nächste Köderfisch kommt bestimmt und ist vielleicht ein kleines Rotauge. Das ist dann auch deutlich einfacher zu erkennen. Heute finden sich Schneider in Deutschland nur noch in wenigen Gewässersystemen wie dem von Donau und Rhein.
Arnulf Ehrchen