Die Seeratte

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Verwechslungsmöglichkeiten gibt es bei dieser Fischart keine. Die Seeratte ist mit ihrer Kombination aus spitz zulaufender Schnauze, riesigen Brustflossen und langem, fadenartigen Schwanz einzigartig. Chimaera monstrosa, so ihr wissenschaftlicher Name, gehört zu den Knorpelfischen und ist mit Haien und Rochen verwandt. Die Seeratte ist eine von 29 Arten der Familie Chimaeridae, aber der einzige Vertreter in europäischen Gewässern. Ihr Verbreitungsgebiet reicht von der nordwestafrikanischen Küste und dem westlichen Mittelmeer über die irische Westküste und Island bis nach Nordnorwegen. Anders als Haie, deren Körperoberfläche von so genannten Hautzähnen bedeckt ist, schwimmt die „Ratte“ nackt umher – weder Schuppen noch Hautzähnchen sitzen auf ihrer Haut. In den dunklen Tiefen, die ihr bevorzugter Lebensraum sind, macht das wenig. Bei 200 bis 1000 Metern Tiefe ist das Licht ohnehin aus – kein Platz für Peinlichkeiten.
SeehaseNorwegenanglern geht dieser seltene Fisch vor allem beim Naturköderangeln an den Haken. Dies ist auch deshalb ein Zufall, da für Seeratten Fische eher unbeliebte Beute darstellen und unsere Fetzen oder Köderfische nicht weit oben auf ihrer Speisekarte stehen. Viel lieber wühlt Chimaera im Meeresboden und stöbert dort Würmer, Muscheln oder kleine Krebstiere auf. Ebenfalls begehrt: Seesterne und -igel. Neben Seeratte sind für den Fisch noch einige deutsche Namen im Umlauf: Seekatze, Chimäre, Königsfisch und Geisterhai. In Norwegen ist der eigentümliche Knorpelfisch als Havmus (Meermaus) oder Hågylling bekannt. Die Engländer sehen eher eine Ähnlichkeit zum Kaninchen. International taucht Chimaera monstrosa deshalb als rabbit fish (Kaninchenfisch) auf. Der Begriff Chimäre stammt ursprünglich aus der griechischen Sagenwelt und bezeichnet ein Wesen, das aus verschiedenen Tieren, manchmal auch menschlichen Teilen zusammengesetzt ist. Ähnlichkeiten zu einer Ratte sind bei der Seeratte durchaus sichtbar. Erstaunlicherweise zieht es diesen Tiefseebewohner immer mal wieder in die oberen Wasserschichten. Auf meiner letzten Norwegen-Tour konnte ich selber ein Exemplar nur wenige Meter unter der Wasseroberfläche ganz gemächlich seine Bahnen ziehen sehen. Warum sie plötzlich so hoch hinaus wollen, ist unklar. Einige Biologen bringen dieses Verhalten mit der Fortpflanzung in Zusammenhang. Apropos Seeratten-Sex: Männchen und Weibchen lassen sich bei Chimaera leicht auseinander halten, denn die „Kerle“ tragen auf ihrer Stirn ein zapfenartiges Gebilde, mit dem sie wahrscheinlich die „Damen“ während der Paarung festhalten.
Ist eine Chimäre der richtige Fang für ein köstliches Abendessen auf der Norwegentour? Die Antwort ist eher nein. Wer es unbedingt selber ausprobieren möchte, sollte unbedingt den Stachel vor der ersten Rückenflosse entfernen. Das Gift der Seeratte ist zwar nicht tödlich, kann aber für schmerzhafte Wunden sorgen. Da Chimaera monstrosa ohnehin zu den bedrohten Fischarten zählt, sparen wir uns kulinarische Experimente aber lieber. Wie die meisten anderen Knopelfische auch ist die Chimäre wenig fruchtbar. Gerade einmal 100 Eier setzt ein weiblicher Fisch pro Jahr am Meeresboden ab. Dafür haben die wenigen Jungfische gute Überlebenschancen, wenn sie die rund 17 Zentimeter langen Eikapseln verlassen. Über zehn Zentimeter sind die kleinen Seeratten dann lang und gleichen schon den älteren Verwandten. Von nun an stehen den außergewöhnlichen Tiefseebewohnern bis zu 30 Jahre Lebenszeit bevor. Die Norweger, die für fast alle Fischarten präzise Rekordlisten führen, geben für die Seeratte ein Rekordgewicht von 2,95 Kilo an. So große „Ratten“ sind dann über 1,50 Meter lang und immer Weibchen. Die Männchen erreichen maximal einen Meter.