Der Heringshai

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Fast wie ein großer Weißer – fetter Heringshai aus DänemarkFast wie ein großer Weißer – fetter Heringshai aus DänemarkDas Boot schaukelt kontinuierlich wie ein Schweizer Uhrwerk auf den Wellen hin und her. Hier auf hoher See herrscht Stille, nur von Möwengeschrei durchbrochen. Am Horizont wippen bunte Luftballons auf dem Wasser. Darunter spielen fischige Happen in Form ganzer Makrelen und Köhler in der Duftwolke vom Rubby Dubby. Plötzlich kreischt eine Groß-Multi los und die 50-lbs-Rute krümmt sich gen Reling – Heringshai! So könnte es sich abspielen, wenn einer der gewaltigen Räuber aus dieser „Wer bin ich?“-Ausgabe einsteigt. Dieses Mal stellen wir den Håbrann, so der norwegische Name des Heringshais, vor. Soviel vorab: Dies soll keine Fangaufforderung sein soll. Haiangeln ist ein heiß diskutiertes Thema. Dennoch lohnt es sich, den schnellen Räuber kennen zu lernen. Durch Überfischung sind die Bestände stark geschrumpft und werden als gefährdet eingestuft. Auch deshalb galt 2011 in Norwegen vorübergehend ein striktes Fangverbot für die knorpeligen Kollegen. Da ihm die Nieren fehlen, sammeln sich obendrein Schwermetalle und andere Schadstoffe im Fleisch von Lamna nasus, wie der Fisch wissenschaftlich heißt. Das will keiner essen, oder? Wie der Weiße Hai gehört der Heringshai zur Familie der Makrelenhaie (Lamnidae). Die Verwandtschaft ist offenkundig: Der spindelförmige Körper, die konisch zulaufende Schnauze mit den großen schwarzen Augen, die fünf Kiemenspalten und der starke Kiel vor der halbmondförmigen Schwanzflosse kennzeichnen einen perfekten Räuber. Die Haut ist gräulich und wird zum Bauch weiß. Beim Blick ins Heringshai-Maul kann uns angst und bange werden: Zahnreihe auf Zahnreihe. Die spitzen, scharfen Greifer sind ideal für die Jagd auf Makrele, Köhler und natürlich Hering.
Kostverächter sind Heringshaie allerdings nicht und sagen auch zu Tintenfischen oder anderen Haien nicht nein.
Wenn Sie denken, der Håbrann sei nur der kleine Vetter vom „Great White“, werden Ihnen seine Ausmaße vielleicht Schweißperlen auf die Stirn treiben. Mit einer Maximallänge von rund 350, einer Durchschnittslänge von 244 Zentimeter und einem Höchstgewicht von vollen 230 Kilo ist der Heringsschreck alles andere als ein Zwerg. Der norwegische Angelrekord wurde 1979 im Oslofjord aufgestellt und liegt bei 43 Kilo. Deutlich größere Fische sind jedoch durch Berufsfischer bestätigt. Geschlechtsreif wird Lamna nasus erst bei einer Länge von 1,70 bis 1,80 Metern. Die weiblichen Heringshaie sind lebendgebärend und bringen ein bis fünf 75 Zentimeter lange Junge zur Welt. Bei einem Höchstalter von 30 Jahren haben die kleinen Nachkömmlinge einige Zeit, um zu wachsen. Männliche und weibliche Fische lassen sich anhand der Klaspern unterscheiden: den röhrenförmig eingerollten Bauchflossen, den Begattungsorganen männlicher Knorpelfische. Antreffen können wir den kraftvollen Jäger lange nicht nur in Norwegen. Das Verbreitungsgebiet reicht im östlichen Atlantik von der westlichen Barentssee über Island, die Färöer, entlang der norwegischen Küste, über die Nordsee und die Britischen Inseln bis an die Küste Marokkos und ins Mittelmeer. Weitere Bestände finden sich vor Grönland und Neufundland, den Bermudas und auf der Südhalbkugel. Entlang der Kontinentalplatten legt der Dauerschwimmer weite Strecken zurück. Selbst in einer Tiefe von 715 Meter sind Heringshaie nachgewiesen worden. Lamna nasus kann uns zum Beispiel beim Leng-, Dorsch- oder Heilbuttfischen mit großen ganzen Köderfischen an den Haken gehen. Die Chancen auf einen erfolgreichen Drill stehen auf Grund des fehlenden Stahlvorfachs allerdings schlecht. Übrigens: Der Håbrann wird für den Menschen zwar als potentiell gefährlich eingestuft, direkte Angriffe sind aber kaum bekannt.
Wenn Sie also das nächste Mal in den norwegischen Fjorden einen Futterfischschwarm ausgemacht haben, dann halten Sie doch mal Ausschau nach einer Rückenflosse, die die Wasseroberfläche durchschneidet.
Timo Keibel