Home Schlaflos am See (02/2008)

Rute&Rolle-Logo

Jagd und Hund 2012
Fishing Festival
Schlaflos am See (02/2008)


Tobias Norff über leuchtende Augen in der Dunkelheit, boiliefressende Unholde und die Rache der Wildschweine

Schlaflos am SeeNicht der Fang, sondern das Naturerlebnis soll Dir teuer sein.“ So steht es geschrieben in der Satzung meines Angelvereins. Es ist gleich 1 Uhr in der Nacht, es ist kalt, es nieselt und ich kann nicht einschlafen. Im Unterholz des Waldes hat sich herumgesprochen, dass drüben auf der kleinen Lichtung direkt am See ein gemütliches Zelt steht. Spinnen, Asseln, Käfer und Gewürm sind der Einladung gefolgt und haben eine Wohngemeinschaft mit mir gegründet. Eigentlich nicht weiter schlimm. Wenn da nur nicht diese riesigen schwarzen Käfer wären. Ständig versuchen sie sich unter meiner Bodenplane durchzugraben, was so ein nerviges, tippelndes, knis-terndes Geräusch verursacht. Als würde jemand mit lange nicht geschnittenen Fingernägeln ständig auf einer Glas-Tischplatte herumtrommeln. Grob geschätzt 30 Käfer habe ich seit 22.30 Uhr bereits unter der Plane rausgesammelt und einige Meter weiter im Wald ausgesetzt. Aber es nimmt kein Ende. Setze ich einen um, kommt er fünf Minuten später mit drei Freunden zurück. Ich kann doch nicht jeden einzelnen mit dem Schlauchboot auf die andere Seeseite fahren. Oder doch? Ich verwerfe den Gedanken wieder. Irgendwann gelingt es mir, die Geräusche zu verdrängen und doch ins Reich der Karpfenangler-Träume einzutauchen. Der Bissanzeiger schreit, die Schnur läuft im Affenzahn von der Rolle. Ich setze den Anhieb. Ein Drill auf Biegen und Brechen. Natürlich bleibe ich Sieger, schließlich ist es mein Traum! Ich bugsiere ihn sicher in den Kescher. Wenig später wuchte ich meinen Fang aus den Maschen. Ich kann ihn kaum anheben, so schwer ist er. Ein wunderschöner Spiegler grunzt mich an. Moment mal, er grunzt? Wieso grunzt der Karpfen, frage ich mich langsam erwachend? Das Grunzen wird lauter, mein Traum verschwimmt, weicht der Wirklichkeit. Ich wache auf, das Grunzen bleibt. Irgendetwas ist hinter meinem Zelt. Langsam wird mein Kopf wieder klar. Wildschweine! Na suuuuper. Die einzigen Tiere des deutschen Waldes, die einem irgendwie gefährlich werden können, stehen natürlich hinter meinem Zelt. Hätte es ein harmloser Igel oder ein possierliches Eichhörnchen nicht auch getan? Hoffentlich haben die Biester nicht auch noch Frischlinge... Ich schlüpfe bereit zur Flucht in meine Watstiefel. Sollte es zu einem Übergriff kommen, will ich schnell ins Boot springen. Das Grunzen kommt näher, ist eindeutig vielstimmig. Wie viele mögen es sein? Und viel wichtiger, wie werde ich sie wieder los? Mein Blick fällt auf zwei leere Bierflaschen, die ich mir vor einigen Stunden als Schlafmittel selbst verschrieben habe. Ja, das könnte klappen. Ich schnappe mir die Flaschen und schlage sie lautstark gegeneinander. Erschrecktes Grunzen hinterm Zelt und wildes Getrappel. Es hat funktioniert! Das garstige Schwarzwild hat die Flucht angetreten. Ich sehe auf die Uhr: 3.30 zeigt das beleuchtete Ziffernblatt. Nach einer knappen Stunde hat sich mein Herzschlag unter Einfluss einiger Zigaretten wieder normalisiert. Der Schlaf übermannt mich. Aber nicht lange: Als Karpfenangler schlafe ich mit offenen Ohren. Schließlich soll der Ruf des Bissanzeigers im Falle eines Falles ja nicht ungehört verhallen. Anstelle des ersehnten Piepens dringt jedoch erneut Geraschel und Hufgetrappel an meine Ohren. Schlaflos am SeeDie Wildschweine sind zurückgekehrt, um blutige Rache zu üben für den Schrecken, den ich ihnen eingejagd habe, schießt es mir durch den Kopf. Ich lausche angestrengt, kann aber kein Grunzen vernehmen. Aber es sind eindeutig mehrere Tiere, die mir da einen – ich schaue auf die Uhr – sehr früh morgentlichen Besuch abstatten. Es ist gleich 5.00, aber noch immer stockfinster. Ich greife nach der Kopflampe, schlüpfe in die Stiefel und aus dem Zelt. Ein Knopfdruck, das gebündelte Halogen-Licht streift durch den düsteren Wald. Acht Augenpaare sehen mich gespenstisch das Licht der Kopflampe reflektierend aus dem stockfinsteren Dickicht an. Mir fallen auf Anhieb diverse Horrorfilme ein, in denen solche Szenarien gar nicht gut ausgehen. So langsam wünsche ich mir eine schöne rostige Spundwand und einen riesigen, betonierten Parkplatz an Stelle des Waldes. Ich sollte wieder mehr am Hafen angeln... Was auch immer mich da anstarrt, es lässt sich zum Glück auch mit dem Flaschentrick in die Flucht schlagen. Aber nicht, ohne mich aus sicherer Entfernung ausgiebig und in enormer Lautstärke auszuschimpfen. Rehe können verdammt merkwürdige Bell-Geräusche von sich geben. Nach einer halben Stunde ist das Wild heiser und ich kann wieder etwas Ruhe finden.
Eine gute Stunde später: Einer meiner Bissanzeiger erregt mit zwei Einzeltönen meine Aufmerksamkeit. Och nö, bitte keine Brassen! Ich linse aus dem Zelteingang. Dort, wo meine Montagen ausgelegt sind, taucht soeben ein Blesshuhn auf. Weitere zehn, zwölf Wasservögel ziehen ihre Kreise über meinem sorgsam angelegten Futterplatz. Oh nein! Das nicht auch noch. Ich steige in die Stiefel und werfe meine Regenjacke über. Das leichte Nieseln ist in ergiebigen Landregen übergegangen. Mir ist kalt. Nur schnell die Viecher vertreiben und dann fix wieder in den gemütlichen Schlafsack krabbeln.
Ich rudere mit den Armen – zwecklos! Ich greife den Kescher, schwenke ihn wild hin und her – wie eine Fahne auf Gefechtszug. Dazu gebe ich Geräusche von mir, die das wütende Fauchen eines Schwans imitieren sollen. Ich werde ignoriert. Was, wenn mich Spaziergänger sehen, schießt es mir durch den Kopf: Mama, was macht der Onkel mit der langen Unterhose und dem Netz da am Ufer? Schau da nicht so hin, Kind. Der Mann ist krank. Ich halte kurz inne, blicke mich beschämt um. Zum Glück ist es noch zu früh für nicht angelnde Naturliebhaber. Ich fuchtel noch ein wenig weiter mit dem Netz und gebe dann enttäuscht auf. Die Ruten einholen? Nix da! Jetzt ist die heißeste Zeit. Fast alle Karpfen beißen an dieser Ecke früh morgens. Und meine Tour lasse ich mir nicht vermiesen, nicht von diesen schwarzen Ungeheuern!
Bereits die ersten, nach Haselnuss duftenden Vergrämungsschüsse zeigen Wirkung. Schwer verunsichert von den kurz vor ihnen ins Wasser einschlagenden Geschossen flüchten die gefiederten Unholde, was die Paddelfüße hergeben. Sieg! Ich lehne mich entspannt zurück. Die Karpfen können kommen. Doch was kommt, kommt auf dem Wasser, laut schnatternd, auf direktem Weg zu meinem Futterplatz. „Na, habt ihr noch nicht genug?“ Siegessicher greife ich nach der Schleuder. Die erste Salve drängt die schwarzen Futterneider ein paar Meter zurück. Die nächste wird nur noch misstrauisch beäugt und lautstark beschimpft. Der dritte Schuss zeigt keinerlei Wirkung mehr. Dafür wird der vierte bereits freudig erwartet. Kaum schlagen die Teigmantelgeschosse ein, beginnt bei den Blesshühnern das große Wettrennen. Wer ist als erstes am Aufschlagsort! Erstaunlich, wie schnell die Biester mit ihren nicht mal boiliegroßen Gehirnen lernen. Auf die Ankunft der Vogelgrippe zu warten, dauert mir zu lange. Eine andere Taktik muss her.
Schlaflos am SeeDie Boilie-Salven gehen nicht mehr direkt vor den Feder-Unholden nieder und auch nicht auf meinem Futterplatz. Nein, mit meinem menschlichen, dem Federvieh haushoch überlegenen Verstand habe ich mir etwas einfallen lassen. Nun schieße ich in regelmäßigen Abständen einzelne Boilies ins Flachwasser rund 30 Meter von meinem Platz entfernt. Damit hoffe ich, die Plagegeister einfach von meinem ruhebedürftigen Futterplatz wegzulocken. Und es gelingt! Ein Blesshuhn nach dem nächsten folgt dem verheißungsvollen Klatschen meiner verschossenen Nuss-Munition. Nach knapp zehn Minuten tummelt sich die gesamte Hühnerschar im Flachwasser weit ab von mir. Bestens! Die Kehrseite der Medaille zeigt sich jedoch an meinem rapide schwindenden Boilie-Vorrat. Wenn ich nicht wenigstens im Minutentakt einzelne Murmeln nachschieße, kehren die Hühner zu alten Tugenden zurück und plündern wieder meinen Karpfen-Futterplatz. Im Laufe des Morgens sehe ich knapp zwei Kilo meiner mühsamst aus teuersten Zutaten absolut rund gerollten und auf die Sekunde genau gegarten Boilies in den Hälsen der gefiederten Gierschlunde verschwinden. Ich wünsche mir Napalm, eine Atom-Bombe oder wenigstens einen Flammenwerfer. Nichts von alledem findet sich in meinem Rucksack...
8.30 Uhr. Ich habe meine gesamte Munition verschossen. Meine Hoffnung, mit kleinen Steinchen Boilies imitieren zu können, die ins Wasser fallen, werden im Keim erstickt. Ich gebe mich geschlagen. Die Blesshühner sind einfach schlauer. Ich warte noch, bis sich der gesamte Trupp wieder an meinem Platz versammelt hat und nach den Hakenködern taucht, dann hole ich die Ruten ein, packe frustriert und hundemüde zusammen. Auf dem Weg zum Auto nehme ich mir vor, heute ganz besonders auf Wildwechsel zu achten. Das Naturerlebnis war mir bereits teuer genug.

 
 
Joomla 1.5 Templates by Joomlashack