Als der Taktstock zur Angel wurde...
...spielte Musik nur noch die zweite Geige. Walter Böhnisch aus Kolkwitz arbeitete viele Jahre an verschiedenen Opernhäusern als Dirigent. Doch seine Leidenschaft gilt neben Bach, Beethoven und Mozart der Fischerei. In unserer neuen Serie tauscht er die Primadonna gegen prima Fische und erzählt von Bächen und Seen, Stille und Einsamkeit, Rekorden und Revieren
Lieber Petrus, Schutzpatron aller östlichen und westlichen Angler!
Welcher Deiner Jünger schlägt heutzutage noch gerne eine Zeitung auf? Nichts als Hiobsbotschaften: überfischte Weltmeere, umstrittene Walfangquoten, Streit zwischen Umweltschützern und Fischern.... Du bist der Einzige, der in diesem ganzen Chaos Ordnung schaffen könnte. Schon im eigenen Interesse. Denn wenn es keine Fische mehr gäbe, gäbe es auch keine Angler mehr und ohne Angler wäre auch ein Anglerschutzpatron überflüssig. Du würdest über kurz oder lang Deinen Job verlieren und so gezwungenermaßen vorzeitig in den Ruhestand gehen müssen. Es ist nicht so, dass ich mir in finanzieller Hinsicht Sorgen um Dich machen würde. Bei Deiner langen Dienstzeit und Deiner gehobenen Position würdest Du sicher eine anständige Abfindung bekommen und davon himmlisch leben können. Aber Du willst doch noch gebraucht werden. Deswegen erlaube ich mir, Dir einen Vorschlag zu machen: Du warst doch einer der vertrautesten Jünger von Jesus und damals bei der wundersamen Brot- und Fischvermehrung dabei – als er aus zwei Fischen fünftausend gemacht hatte. Erinnerst Du Dich noch? Nach der Hochzeit von Kana, kurz vor der Bergpredigt. Ja, jetzt fällt es Dir wieder ein! Wäre es Dir nicht möglich, das Gleiche Heute und Hier auch einmal zu probieren? Das Brotproblem könntest Du zunächst durchaus vernachlässigen, konzentriere Dich lieber voll auf die Fische. Du standest doch damals sicher ganz dicht bei dem Meister. Bestimmt hast Du gut aufgepasst, um gleich einspringen zu können, wenn er bei einem weiteren Nahrungs-Engpass einmal verhindert gewesen wäre. Du wirst doch noch wissen, wie dieses Wunder damals funktionierte. Allzu lange dürftest Du aber mit der neuerlichen Fischvermehrung nicht mehr warten. Die neuen Ausfuhrbestimmungen von Norwegen zeigen uns doch überdeutlich, dass Eile geboten ist! Wenn der letzte Fisch verschwunden ist, kann man ihn nämlich nicht mehr vermehren. Und wir müssten sogar Gott Vater persönlich bitten, dass er freundlicherweise noch einmal ein paar Musterexemplare erschafft. Eure Erfolgsquote war ja damals enorm, eine Vermehrung um das 2500fache! Ja, der Jesus hat schon Nägel mit Köpfen gemacht. Bereits eine 100fache Vermehrung wäre heute aber schon ein Riesenerfolg: zufriedene Umweltschützer, glückliche Berufsfischer, beutereiche Angler und unvergrämte Kormorane. Die Fabriken könnten ohne sonderlich schlechtes Gewissen wieder ein bisschen Gift in die Flüsse einleiten, die Japaner ungebremst ihre Wale schlachten und auch Dein Ansehen würde in diesen heidnischen Zeiten unermesslich wachsen! Allerdings mache ich mir auch Sorgen, dass die umfangreiche Arbeit für Dich zu anstrengend sein könnte. Jünger werden schließlich auch nicht jünger. Das muss man schon bedenken. Aber der Zeitpunkt wäre jetzt recht günstig: Die 2000jährige Wiederkehr des wundersamen Ereignisses. Das ließe sich doch hervorragend vermarkten, vielleicht sogar zusammen mit der Schlacht im Teutoburger Wald, die etwa eben so lange zurück liegt. Aber tue mir bitte einen Gefallen: Wenn alles gut gelungen ist, warte nicht wieder 2000 Jahre bis zur nächsten Fischvermehrung. Bei dem explosionsartigen Anwachsen der Weltbevölkerung und den immer ausgeklügelteren Fangmethoden hielte ich einen etwa 50jährigen Abstand für angemessen. Nur so könnte sich ein stabiles Gleichgewicht in unseren Gewässern einstellen. Natürlich wirst Du in Deiner unendlichen Weisheit selbst am besten wissen, was zu tun ist. Entschuldige daher bitte meine vorlauten Vorschläge.
Es grüßt Dich in Demut, Dein treu ergebener Petrijünger Walter Böhnisch
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