Als der Taktstock zur Angel wurde...
...spielte Musik nur noch die zweite Geige. Walter Böhnisch aus Kolkwitz arbeitete viele Jahre an verschiedenen Opernhäusern als Dirigent. Doch seine Leidenschaft gilt neben Bach, Beethoven und Mozart der Fischerei. In unserer neuen Serie tauscht er die Primadonna gegen prima Fische und erzählt von Bächen und Seen, Stille und Einsamkeit, Rekorden und Revieren
Sehr gut kann ich mich an eine Schulstunde im Deutschunterricht erinnern. Das Thema hieß: die positiven und die negativen Helden. Positive fielen uns reihenweise ein, aber bei den negativen haperte es tüchtig. Willi hätte ich allerdings als Paradebeispiel benennen können – wenn ich ihn damals schon gekannt hätte. Die folgende Geschichte liegt schon viele Jahre zurück. Meine selige Tante Bertl hatte sich mit ihren 78 Jahren – des Alleinseins müde – noch einmal einen Freund angelacht, einen Herrn passenden Alters namens Willi. Und dieser Willi sollte uns nun anlässlich eines Besuchs vorgestellt werden. Ich wohnte damals mit meiner Mutter und deren Schwester und Schwager in Pirna. Tante Bertl kam also mit ihrem Auserwählten aus Thüringen angereist. Selbstverständlich wollten wir den „Neuzugang“ unvoreingenommen empfangen und seine möglichen kleinen Schwächen freundlich tolerieren – ein Vorhaben, das uns leider gründlich misslingen sollte. Anlässlich dieses Treffens wollte auch ich einen kleinen Überraschungsbeitrag leisten. Ich nahm meine Angel und begab mich an die Kirnitzsch auf Forellenpirsch. Es wurde einer von den schlimm-schönen Angeltagen: Bombenwetter – aber weit und breit kein Fisch zu sehen. Nach einigen Stunden taten mir alle Knochen weh. Als ich schon aufgeben wollte, erbarmte sich Petrus doch noch. Unter einer Brücke konnte ich gegen Abend eine maßige Forelle landen, ein wunderschön gezeichnetes Tier. Jetzt hatte ich allerdings ein Problem: ein Fisch für sechs Personen! Wie sollte das gehen? Aber eine Lösung war auch schon in Sicht. Beim gemeinsamen Abendessen, als die Forelle nach allen Regeln der Kunst goldgelb gebraten und duftend auf dem Teller lag, hielt ich eine kleine Rede. „Leider ist mir heute der Fang nur dieser einen Forelle geglückt. Aber da du, liebe Tante Bertl, meine Lieblingstante bist und auch nur selten hier sein kannst, soll sie dir gewidmet sein. Lasse sie dir gut schmecken!“ „Ach“, antwortete meine Tante, „ich habe aber überhaupt keinen Appetit auf Fisch. Willi, willst du sie vielleicht?“ „Na, dann nehme ich sie halt“, äußerte Willi und bevor ich überhaupt dran denken konnte, die Prioritäten neu zu setzen, hatte er schon das Prachtstück auf seinen Teller gezerrt und begann lustlos in ihm herumzustochern. Ich war sprachlos! Auch meine Familie, die ein Forellenessen mehr als heilige Handlung, weniger als einen Sättigungsakt ansah und die über Jahre mit den Schwierigkeiten und Strapazen des Salmonidenangelns vertraut war, erstarrte vor Entsetzen. Zum Glück können Blicke nicht töten. Willi wäre sofort entseelt von seinem Stuhl gefallen. Aber so mümmelte er ungerührt und ungestraft das edle Schuppentier in sich hinein. Wenn er wenigstens einmal geschmatzt oder andere Geräusche des Wohlbefindens von sich gegeben hätte, ein Verzeihen wäre vielleicht noch möglich gewesen. Nichts dergleichen! Gelangweilt fuhrwerkte er auf seinem Teller he-rum. Die Stimmung wurde immer eisiger. Nur Tante Bertl blickte liebevoll auf ihren Willi. Wie hatte er ihr doch so ritterlich und uneigennützig das Problem abgenommen. Und was für eine gute Wahl war ihr mit dem neuen Lebensgefährten gelungen! Wir anderen litten weiter: Die besten Stücke ließ dieser Unhold auf dem Teller liegen und die kross gebackene Haut verschmähte er vollends. Resigniert trafen sich schließlich unsere Blicke auf seinem Grätenabfallhaufen. „Hat es dir denn geschmeckt, mein Willi?“– fragte liebevoll Tante Bertl. „Ja, ja, aber ein Schnitzel bleibt eben ein Schnitzel“, war die Antwort.
Unnötig zu sagen, dass dieser Willi in unserer Familie nie Fuß fassen konnte!
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