Als der Taktstock zur Angel wurde...
...spielte Musik nur noch die zweite Geige. Walter Böhnisch aus Kolkwitz arbeitete viele Jahre an verschiedenen Opernhäusern als Dirigent. Doch seine Leidenschaft gilt neben Bach, Beethoven und Mozart der Fischerei. In unserer neuen Serie tauscht er die Primadonna gegen prima Fische und erzählt von Bächen und Seen, Stille und Einsamkeit, Rekorden und Revieren
Seit einiger Zeit wird die Regenbogenforelle in den Bächen der sächsischen Schweiz und des Osterzgebirges nicht mehr geduldet. Zugegeben, zwar hat uns unbestritten gerade dieser Fisch immer viel Freude bereitet und sein Fang war ganz besonders spannend. Aber das muss der Vergangenheit angehören. Jetzt geht es wahrhaftig um „Höheres“! Jahrzehntelang hat sich diese schlüpfrig-schuppige Amerikanerin mit dem harmlosen Namen Oncorhynchus mykiss hier einbürgern lassen, obwohl sie doch genügend eigenen Lebensraum in den Appalachen, Rocky Mountains und vielen anderen Gebirgen hat. Es musste ihr doch von vornherein klar sein, dass sie bei uns auf Dauer nicht überleben wird, weil sie sich in unseren Breiten so gut wie gar nicht vermehren kann. Trotzdem ließ sie sich unverblümt und uneinsichtig immer wieder einsetzen. Durch besonders große Sprünge und extremes Gezerre beim Drill versuchte sie, uns Angler zu betören und für sich einzunehmen. Viel zu spät haben wir erkannt, dass ihr eigentliches Ziel die Verdrängung unserer guten einheimischen Bachforelle war. Zum Glück gibt es unbeirrbare Puristen unter den Naturschützern, die diesem Treiben endlich Einhalt gebieten. Unsere Natur soll wieder so werden, wie sie es vor hunderten von Jahren war. Bravo! Und sie lassen sich erfreulicherweise auch keineswegs beirren von einer Reihe nordischer und anderer Staaten, die immer noch – sicher wegen ihres nur rudimentär entwickelten Nationalstolzes – diese regenbogen-farbige Ausländerin hegen und pflegen und sich nach wie vor an ihrem Fang ergötzen. Die Nachwelt wird diese Zeitgenossen richten. Etwas möchte ich in diesem Zusammenhang noch anregen: Seit das Schaf Dolly geklont wurde und die Wölfe in der Lausitz wieder sesshaft werden sollen, ist doch schließlich vieles denkbar. Könnte man dann nicht auch unser gutes, altes Mammut wieder auferstehen lassen? Das hat doch schließlich ebenfalls früher einmal hier gelebt. Und – liebe Angelfreunde – auch das muss einmal angesprochen werden: Wer hört eigentlich noch zu, wenn wir von den „Kämpfen“ mit unseren gemütlichen, dicken Karpfen erzählen? Kaum einer! Dagegen wird der künftige Angler vielleicht einmal seiner bangenden Angebeteten berichten können: „Liebling, ich bin gestern bei der Pirsch auf einen Süßwasserquastenflosser gestoßen und einem Säbelzahntiger begegnet und nicht einen Schritt zurückgewichen!“ Natürlich ist das alles zunächst noch Zukunftsmusik. Aber um unser Ziel zu erreichen, müssen wir jetzt auf allen Ebenen konsequent handeln. Es gibt eine große Anzahl von Tieren und Pflanzen, die sich schnöderweise bei uns eingeschlichen haben und die es erbarmungslos zu beseitigen gilt. Nehmen wir zum Beispiel das asiatische Springkraut. Es blüht zwar herrlich in unseren herbstlichen Tälern, aber wenn es nun mal nicht hierher gehört, dann weg mit diesem Unkraut! Nieder auch mit der Nachtkerze und dem Veilchen, diesen fremdländischen Farbklecksen! Reines Grün ist ohnehin für die Augen viel gesünder. Mir wird ganz warm ums Herz, wenn ich bedenke, wie viele Arbeitsplätze künftig geschaffen werden können, bis alles Störende verscheucht und herausgerissen ist! Übrigens sind auch die Gastwirte im Elbsandsteingebirge ganz begeistert von diesen progressiven Gedanken, denn der Urlaub in den botanisch und zoologisch bereinigten Zonen hätte natürlich einen ganz anderen Erholungswert und würde künftig viele Gäste anlocken.
Liebe Verfechter der reinen Lehre! Ich wünsche Euch auf Eurem schweren Weg der Ausmerzung des Fremden und Wiederherstellung des Ursprünglichen noch viele und vor allem schnelle Erfolge. Eine Frage zum Schluss: Wie weit wollt Ihr denn eigentlich die Zeit zurückdrehen? Bis zum Mittelalter, zur Steinzeit oder noch weiter zurück? Es wird da sicher bei Euch ganz unterschiedliche Meinungen geben. Der eine will sein Wollnashorn zurück, der andere seinen Höhlenbären und der Dritte plädiert gar für die Wiederauferstehung der Saurier! Lasst Euch nicht beirren. Lernt von unseren Politikern. Geschlossenheit nach außen ist das Wichtigste. Dann werdet Ihr diese schwere, aber unerlässliche Aufgabe auch erfolgreich meistern.
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